Wien/Rüsselsheim. (dab/vasa) Die europäische Autoindustrie steht vor schwierigen Zeiten: Carsharing und damit weniger Autobesitz, Stromantrieb statt komplizierter Verbrennungstechnik, technische Nachzügler im Vergleich mit Konkurrent China.

In der Getriebe- und Motoren-Fabrik von Opel in Aspern hat der bevorstehende Umbruch begonnen. 350 bis 400 Stellen sollen nun abgebaut werden. Damit geht rund jeder dritte Arbeitsplatz an dem Standort in Wien verloren. Grund ist das "Auslaufen eines Getriebe-Großauftrags", zitiert das Ö1-Morgenjournal den Angestellten-Betriebsratobmann Franz Fallmann. Die "Kleine Zeitung" hatte bereits am Mittwochabend über den Jobabbau berichtet.

Für die betroffenen Mitarbeiter werde mit der Geschäftsführung gerade ein Sozialplan verhandelt, sagte Fallmann. Zunächst starte aber eine "freiwillige Aktion", bei der sich Mitarbeiter melden können, die bis zum Jahresende austreten wollen. Das allein werde laut Fallmann aber nicht für die nötige Stellenreduktion reichen.

Der Opel-Betriebsrat plant keine Proteste gegen den Stellenabbau. Vom Ausmaß der Streichungen zeigte sich Betriebsrätin Renate Blauensteiner aber überrascht. "Man hat gewusst, dass wir einfach zu viele Mitarbeiter an Bord haben, aber dass es so drastisch ist, wurde natürlich nicht vermutet", sagte sie. Die Stadt Wien hat angekündigt, den betroffenen Mitarbeitern mit einer Arbeitsstiftung zu helfen.

"Opel wird weiter kürzertreten" 

Der Sparkurs bei Opel sei noch nicht zu Ende, erklärte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. "In den nächsten Jahren muss Opel weiter kürzertreten. Die Konjunktur in Europa wird schwächer", sagte der Branchenexperte zur "Wiener Zeitung". Mit weiteren Stellenstreichungen und Kürzungen sei daher zu rechnen.

Es sei auch durchaus denkbar, "dass mit dem Ende des Verbrennungsmotors ein ganzes Motorenwerk geschlossen wird", so Dudenhöffer. Ein solches Vorgehen sei gerade bei dem französischen Unternehmen PSA – es hatte Opel im August 2017 übernommen – eher vorstellbar als bei einem deutschen. "PSA ist ein rein kostengetriebenes Unternehmen. Sie sind eher bereit, schnell Abfindungen zu zahlen, um Fixkosten wegzubekommen."

Dudenhöffer rechnet auch damit, dass Opel und seine Werke in Zukunft weiter an Eigenständigkeit verlieren werden. "Ich vermute, dass PSA weitere Unternehmen hinzukaufen wird, vielleicht Ford Europa. Dadurch wird die Rolle von Opel noch schwieriger."

Pläne für eine Werkschließung gibt es in Wien nicht, der Standort soll weitergeführt werden. Derzeit befindet sich sogar eine neue Produktionslinie im Aufbau. "Die neue Produktion, das ist ein 6-Gang-Schaltgetriebe, das für alle Fahrzeuge des Group PSA-Konzerns produziert werden wird. Hier wird die Produktion im Sommer starten und dann sukzessive auf einen 3-Schicht-Betrieb hochgefahren werden", sagte Unternehmenssprecher Christoph Stummvoll.

Eröffnung 1982 

Das Opel-Werk in Wien hat seine Glanzzeiten hinter sich. 1995, am Höhepunkt der Produktion, arbeiteten in den Fabrikshallen in Aspern an die 3000 Leute. Mit dem Bau war 1980 begonnen worden, bei der offiziellen Eröffnung am 15. Oktober 1982 standen bereits 1600 Mitarbeiter an den Fließbändern. 1983 stieg die Jahresproduktion auf 230.000 Motoren und 250.000 Getriebe, 1992 wurden die Opel-Produktionshallen erweitert. Viele Jahre lang fuhr jedes zweite Auto von General Motors in Europa mit einem Getriebe aus Aspern.

In den vergangenen Jahren gab es jedoch immer wieder Sparprogramme. 2018 wurden rund 100 weitere Mitarbeiter abgebaut. Laut Angaben des Betriebsrats von Mitte Februar waren zuletzt noch 1150 Arbeiter und rund 200 Angestellte beschäftigt. Mit dem erneuten Stellenabbau von 350 bis 400 Mitarbeitern wird der Personalstand wohl erstmals seit der Eröffnung vor mehr als 35 Jahren unter die Marke von 1000 Mitarbeitern fallen.