Frankfurt. (rs) Gemessen an der Mitarbeiterzahl sind die Fintechs im deutschsprachigen Raum noch immer kleine Fische. So arbeiten Schätzungen zufolge knapp 20.000 Menschen für die rund tausend Finanz-Start-ups in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die klassischen Banken und Versicherungen kommen dagegen auf mehr als eine Million Mitarbeiter.

Doch die Fintechs, die die zunehmende Verbreitung von Smartphones und Tablets nutzen wollen, um mit innovativen Technologien und Angeboten die Finanzwelt umzukrempeln, erleben derzeit einen Boom, von dem traditionelle Geldhäuser selbst zu ihren besten Zeiten nur träumen konnten. So haben etwa die deutschen Finanz-Start-ups einen fulminanten Jahresauftakt hingelegt und von den Investoren Rekordsummen eingesammelt. Laut der Beratungsfirma Barkow Consulting warben die Unternehmen im ersten Quartal 686 Millionen Euro ein und damit doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Die Summe von 686 Millionen Euro entspreche sogar mehr als der Hälfte der eingesammelten Gelder im gesamten Vorjahr, sagt Geschäftsführer Peter Barkow.

Wie steil und schnell es für die Fintechs derzeit bergauf geht, zeigt aber vor allem der Vergleich mit dem bisherigen Rekordquartal zum Jahresschluss 2018. So steckten Investoren von Jänner bis März gleich um 77 Prozent mehr Geld in die mit großen Erwartungen verbundene Branche als in den drei Monaten davor.

Die Großen werden größer

Fintechs bieten mittlerweile einen breiten Strauß an Services an, wobei zumeist noch klassische Dienstleistungen rund um die Kreditvergabe oder den Zahlungsverkehr im Vordergrund stehen. So erleichtern die digitalen Plattformen Geldüberweisungen, helfen bei Anlageentscheidungen oder machen den Vergleich von Versicherungen einfacher und transparenter. Andere Fintechs sind dagegen weit kreativer und entwickeln Produkte, die die großen Banken und Versicherungen nicht im Angebot haben. So sammeln sie beispielsweise finanzmarktrelevante Twitter-Nachrichten oder Daten von Fitnessbändern, die für Krankenversicherer interessant sein können.

Die Zahlen von Barkow Consulting zeigen allerdings, dass das meiste Wagniskapital an Unternehmen fließt, die bereits eine gewisse Größe erreicht haben und am Markt etabliert sind. So konnte die Berliner Online-Bank N26 im Jänner alleine rund 260 Millionen Euro von Fonds einsammeln. In das Geldhaus, das mit komfortablen Geschäften per Smartphone wirbt, hatte 2018 schon der Versicherer Allianz investiert. Summen von 100 Millionen Euro oder mehr flossen zudem jeweils an den Autoversicherer Friday, der Polizzen je nach gefahrenen Kilometern bepreist, an das Versicherungs-Start-up Wefox sowie an die Firma Raisin, die Anlegern über das Portal "Weltsparen" höhere Zinsen im Ausland bietet.

Der globale Trend zu immer größeren Geldspritzen schlage sich auch in Deutschland nieder, sagt Berater Barkow. "Deutsche Finanz-Start-ups haben aufgeholt und kommen an große Summen." Dass es beim Fintech-Trend zwar viel Euphorie, aber keine Erfolgsgarantie gibt, zeigen allerdings prominente US-Beispiele. Das hohe Risiko wurde Anlegern vor zwei Jahren etwa von LendingClub vor Augen geführt, einem Start-up aus San Francisco, das Kredite zwischen Privatleuten vermittelt. Beim Börsengang 2014 hatte Vorstandschef Renaud Laplanche noch als Ziel ausgegeben, "das ganze Banksystem zu verändern" - zwei Jahre später war die Aktie wegen des Verdachts dubioser Geschäftspraktiken von über 24 auf weniger als vier Dollar gesunken. Der Kurs des lange wegen seines Turbo-Wachstums gefeierten Unternehmens hat sich bis heute noch nicht erholt.