Tripolis. (wak/apa/reuters) Fast 71 Dollar für ein Fass Erdöl der Nordseesorte Brent und fast 64 Dollar für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI). Damit verzeichnet der global wichtigste Energielieferant Erdöl ein Fünf-Monats-Hoch in Sachen Marktwert. Es ist der höchste Wert seit November 2018.

Der Höhenflug des Rohstoffpreises hat mehrere Gründe: zum einen langfristige ökonomische Überlegungen. Und zum anderen nicht einkalkulierte geopolitische Brandherde. Denn mit vergangener Woche ist in Libyen der bewaffnete Konflikt vollends ausgebrochen.

Das nordafrikanische Land ist immerhin ein mittelgroßer Ölproduzent. Und der libysche General Khalifa Haftar, der die international anerkannte Einheitsregierung von Ministerpräsident Fayez al-Sarraj herausfordert, bringt immer mehr ölreiche Gebiete unter seine Kontrolle. Beobachter glauben, dass Haftar sich so eine Stimme bei den internationalen Verhandlungsrunden um Libyens Führung erzwingen will.

Kontrolle über Sharara

Haftars libysche Nationalarmee (LNA) hatte bereits im Februar die - damals von Stammesangehörigen besetzten - Sharara-Ölfelder im Süden des Landes erobert. Das mit 315.000 Barrel Tagesproduktion größte Ölfeld Libyens, an dem auch die österreichische OMV beteiligt ist, war seit 8. Dezember von der lokalen Bevölkerung sowie von Sicherheitspersonal besetzt gewesen, die Produktion war ausgefallen. Man ging nach der "Befreiung" im Februar davon aus, dass die Produktion frühestens im März wieder anläuft. Doch angesichts der blutigen Eskalation ist der Produktionsstart in Sharara mehr als fraglich. Das Ölfeld macht aber ein Viertel der theoretischen Förderung in Libyen aus. Libyen hatte zuletzt etwa 1,1 Millionen Barrel Rohöl am Tag gefördert.

Und zweifellos hat die Opec weder mit dem Konflikt in dem Erdölland Venezuela oder gar mit dieser Eskalation in Libyen gerechnet, als die Organisation der erdölexportierenden Länder vergangenes Jahr beschlossen hatte, ihre Fördermenge für 2019 zu drosseln, um die Preise wieder zu stabilisieren. Denn ein Fass Brent kostete im Dezember etwa nur 52 Dollar (WTI lag bei 45 Dollar). Da war klar: Es muss etwas getan werden. Über das ganze Jahr 2019 sollte die Förderung sukzessive verringert werden.

Dazu kommt auch, dass das führende Opec-Mitglied Saudi-Arabien seine Öl-Fördermenge im April noch stärker als vereinbart senken will. Das zu den weltweit größten Förderländern zählende Königreich hält die Produktionsmenge in diesem Monat unter der Marke von zehn Millionen Fass (je 159 Liter).