"Wiener Zeitung": Der Komiker Wolodymyr Selenskyj liegt in Umfragen zur Stichwahl am Sonntag weit vor seinem Kontrahenten, Präsident Petro Poroschenko. Über die Politik, die ein Präsident Selenskyj betreiben würde, weiß man allerdings nicht allzu viel.

Vasily Astrov: Ja, es ist schwierig, aus seinen Ideen schlau zu werden. Einerseits ist sein Hauptversprechen der Kampf gegen Korruption und die Oligarchen. Andererseits wird behauptet, dass er selbst vom Oligarchen Ihor Kolomojski unterstützt wird. Geschadet haben ihm diese Verbindungen aber nicht - der Unmut über das politische Establishment ist jedenfalls größer.

Sehen Sie bei Selenskyj Konturen eines Wirtschaftsprogramms?

Selenskyj wird als eine Art Anti-Poroschenko-Kandidat gesehen. Das spricht dafür, dass in manchen Bereichen der Kurs geändert wird. Zum Beispiel könnte die Kooperation zwischen der Ukraine und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) schwieriger werden. Auch könnte es Schritte Richtung wirtschaftspolitischem Populismus geben - obwohl Wirtschaftspolitik in die Kompetenz der Regierung fällt, nicht in die des Präsidenten. Gemessen wird Selenskyj aber wohl am Thema Korruptionsbekämpfung.

Kann man die weit verbreitete Korruption in der Ukraine überhaupt erfolgreich bekämpfen?

Vasily - © Jorit Aust
Vasily - © Jorit Aust

Das ist tatsächlich enorm schwer, weil die Korruption in allen Gebieten des Lebens präsent ist. Die Leute sind im Gesundheitswesen oder im Ausbildungssystem auf Korruption angewiesen, um sich über Wasser zu halten. Viele profitieren davon.

Wie hat sich dieses System eigentlich herausgebildet? Gab es das schon zu Sowjetzeiten?

Die Sowjetunion war eine Diktatur. Das bedeutete auch, dass Korruption streng bestraft wurde, dass der Druck auf die Täter hoch war. Es war gefährlich, korrupt zu sein. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR gab es dann - in der Ukraine wie in Russland - eine Zeit, in der man gewissermaßen alles durfte. Der Staat war praktisch nicht mehr funktionsfähig, war nicht mehr in der Lage, diese Vergehen zu bestrafen. Dazu kam noch etwas anderes. Im Sowjetsystem war Korruption geächtet. Man sah darin einen Verstoß gegen die Werte der Gesellschaft. Dann brach dieses System zusammen und die Ächtung fiel weg. Stattdessen gab es in Russland nun das berühmte Motto der liberalen Reformer um Anatoli Tschubais und Jegor Gaidar, das hieß: Bereichert euch so schnell und gründlich wie möglich. Man wollte damit eine Klasse von wohlhabenden Leuten schaffen, eine gesellschaftliche Schicht, die eine mögliche Rückkehr zum alten System verhindern sollte. In der Ukraine lief es ähnlich ab. Bei dieser Transformation gab es natürlich eine Menge Verlierer.