München. (reu) Spannend waren deutsche Hauptversammlungen für die Vorstände und Aufsichtsräte auf dem Podium selten, eine Herausforderung waren sie jahrzehntelang allenfalls für das Sitzfleisch. Doch das war einmal. Galten bis vor wenigen Jahren Zustimmungsquoten unter 95 Prozent zu den Beschlussvorschlägen schon als Ohrfeige, müssen Unternehmenslenker heute um die Mehrheiten bangen, egal ob es um Kapitalerhöhungen, die Bonusregeln für den Vorstand oder um ihre eigene Entlastung geht.

Bayer-Chef Werner Baumann kann am Freitag sogar der erste amtierende Vorstandschef eines DAX-Konzerns werden, dem die Aktionäre das Vertrauen entziehen - hauptsächlich wegen der Milliardenrisiken nach der Übernahme von Monsanto. Denn seit der 63 Milliarden Dollar schweren Übernahme des US-Saatgutriesen im vergangenen Sommer hat Bayer gut 37 Milliarden Euro an Börsenwert verloren. In den USA sieht sich das Unternehmen mit mehr als 11.200 Klägern wegen des von Monsanto entwickelten Unkrautvernichters Glyphosat konfrontiert. In zwei Fällen wurde der Konzern bereits zu millionenschweren Schadenersatzzahlungen verurteilt.

Grund für die vermehrt auftretenden Zitterpartien bei den Hauptversammlungen sind vor allem kaum bekannte Firmen, die ISS, Glass Lewis oder Ivox heißen. Sie verdienen ihr Geld damit, großen Anlegern Empfehlungen zu geben, wie sie auf Hauptversammlungen abstimmen sollen. Nach ihren Ratschlägen richten sich vor allem viele ausländische Investoren, in deren Händen mittlerweile eine deutliche Mehrheit der Aktien im DAX liegt.

"Selbst die großen ausländischen Fonds setzen sich nur noch in Ausnahmefällen selbst mit den Beschlussvorschlägen auseinander", sagt Christiane Hölz, Landesgeschäftsführerin des Aktionärsvereins DSW, der selbst mit ISS zusammenarbeitet. Und zumeist verlassen sich die großen Anleger auf die Empfehlungen der Stimmrechtsberater, die laut dem Kleinanlegerschützer Wilhelm Rasinger bisher vor allem die wichtigen Märkte im Fokus haben und noch wenig Interesse an kleineren Ländern wie Österreich zeigen. Gegen die Ansichten von ISS und Glass Lewis lassen sich daher kaum Beschlüsse durch die Hauptversammlung bringen. Und im Fall von Bayer haben beide Berater empfohlen, die Entlastung des Vorstandsvorsitzenden zu verweigern.

Aktionäre wollen gefragt werden

Doch es sind nicht nur die Stimmrechtsberater, die die Möglichkeiten der Aktionärsdemokratie nutzen. "Institutionelle Anleger bilden sich zunehmend eine eigene Meinung und nicken nicht mehr alles ab", sagt Ingo Speich, seit diesem Jahr Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance von Deka Investment und vorher für Union Investment auf zahllosen Hauptversammlungen unterwegs. "Daher kommen wir immer öfter weg von den lange Zeit üblichen ‚kommunistischen‘ Abstimmungsergebnissen. Und das wird in dieser Richtung auch weitergehen."