Düsseldorf. Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff ist ein Freund klarer Worte. Doch im Moment lässt er viele Fragen offen - was sowohl bei Investoren als auch in der Belegschaft für Unmut sorgt. Denn wohin der Industriekonzern steuert, ist ungewiss. Zwar treibt Thyssenkrupp offiziell sowohl das Stahl-Joint-Venture mit Tata Steel Europe als auch die Konzernaufspaltung voran. Beides steht jedoch Insidern zufolge auf der Kippe. Am kommenden Dienstag legt Kerkhoff die Zahlen zum ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2018/19 (per Ende September) vor. Dann muss der Manager Farbe bekennen, wie er die Chancen für die Pläne einschätzt. Zieht der vor knapp einem Jahr zum Vorstandschef beförderte frühere Finanzchef am Ende noch einen Plan B aus der Tasche?

Die Bedeutung des Stahl-Joint-Ventures mit Tata hatte Kerkhoff vor einigen Wochen bereits heruntergespielt. "Bringt es uns um, wenn es nicht stattfindet? Nein", hatte er gesagt. Seit nunmehr drei Jahren beschäftigt sich Thyssenkrupp mit den Plänen, einen neuen Branchenriesen - die Nummer Zwei in Europa hinter ArcelorMittal - zu schmieden. Es ist ein Pokerspiel, in dem keiner zu große Zugeständnisse machen will: Thyssen, Tata oder EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. Noch in dieser Woche will Thysssenkrupp Vestager treffen. Aus EU-Kreisen verlautet, ohne weitere Konzessionen der Stahlkocher werde Vestager das Vorhaben blockieren. Spätestens am 17. Juni soll es eine Entscheidung geben.

Schwerindustrie steht vor schwierigen Zeiten

"Ein Scheitern des Stahl-Joint-Ventures wäre eine schlechte Nachricht", mahnt der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer, im Gespräch mit Reuters. "Dann hätte man wieder die Situation, die der frühere Chef Heinrich Hiesinger vermeiden wollte – eine Stahlsparte, die sich von einer Restrukturierungsrunde in die nächste bewegt." Die stark konjunkturabhängige Stahlsparte von Thyssenkrupp steht wie die gesamte Schwerindustrie wieder einmal vor schwierigen Zeiten. Wichtige Kunden wie die Autoindustrie und der Maschinenbau lahmen. Der weltgröße Stahlkonzern ArcelorMittal meldete am Donnerstag für das vergangene Quartal einen Gewinneinbruch.

Hatte Kerkhoff die Pläne für das Bündnis mit Tata noch von seinem Vorgänger geerbt, so ist die geplante Konzernaufspaltung in einen Industriegüter- und einen Werkstoffkonzern sein ureigenes Projekt. Doch die Wirkung ist verpufft. "Die Aufspaltung wird vom Markt nicht als der große Wurf gesehen. Das zeigt sich auch in der Entwicklung des Aktienkurses", hatte Deka-Investment-Experte Ingo Speich gesagt.

Die Thyssen-Aktie befindet sich im Sturzflug. Am Mittwoch markierte sie den tiefsten Wert seit 15 Jahren. An der Börse ist Thyssenkrupp nur noch gut sieben Milliarden Euro wert. "Der Aktienkursverfall ist besorgniserregend", betont Anlegerschützer Hechtfischer. "Bei der Aufspaltung ist nicht klar, was sie bringen soll. Sie kostet viel, führt aber nicht automatisch zu besseren operativen Geschäften."

Die Kosten werden im Konzern auf rund eine Milliarde Euro geschätzt. Dies sei ein Grund, weshalb die neue Aufsichtsratschefin Martina Merz das Vorhaben nochmal auf den Prüfstand gestellt habe, hatten Insider Reuters gesagt. Denn der schwache Aktienkurs belastet die Aufspaltungspläne zunehmend: So soll das konjunkturanfällige Werkstoffgeschäft finanziell abgesichert werden, indem es an dem profitableren Industriegüterkonzern eine Beteiligung hält. Die Rede ist von 20 bis 30 Prozent. Je weniger Thyssenkrupp jedoch wert ist, desto höher müsste die Beteiligung des Werkstoffkonzerns sei. Das widerspreche aber bereits jetzt dem Versprechen Kerkhoffs, zwei voneinander unabhängige Konzerne zu schaffen, kritisieren Investoren.

Kerkhoff wird bei den Quartalszahlen vor allem Fragen danach beantworten müssen, wie er trotz der düsteren Wolken am Konjunkturhimmel die Geschäfte profitabler aufstellen will. "Bei den Zahlen am Dienstag wird sich der Blick vor allem darauf richten, wie sich die Problemsparten, die Autozuliefersparte und der Maschinenbau, entwickeln", sagt Hechtfischer. Mit Spannung werden auch Aussagen zur Prognose erwartet, wonach der bereinigte operative Gewinn im fortgeführten Geschäft, also ohne Stahl, auf über eine Milliarde Euro nach zuvor 706 Millionen Euro steigen soll. Die Prognose für das Geschäft mit Autoteilen hatte Kerkhoff schon unter den Vorbehalt einer weitgehend stabilen Autokonjunktur gestellt. Und bereits im Februar betonte er: "Konjunkturelle und politische Unsicherheiten nehmen zu." (reuters, Tom Käckenhoff)