Wien/Mexiko-Stadt/Brasilia. Hört man den Rednern auf dem dieswöchigen Lateinamerika-Tag der Wirtschaftskammer Österreich zu, wird man unweigerlich an das Zitat des Mount-Everest-Besteigers George Leigh Mallory erinnert: Warum in Lateinamerika investieren? Weil es da ist. Und 650 Millionen Einwohner hat.

So beschwört etwa Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent unter anderem beim Handelsblatt, immer wieder: "Sie dürfen Lateinamerika nicht links liegen lassen" - trotz der größer gewordenen politischen Risiken. Denn, auch er gibt unumwunden zu: "Lateinamerika hat zehn sehr gute Jahre erlebt, und steht jetzt vor Herausforderungen." Prognosen, wohin die Reise geht, seien so schwierig wie noch nie.

In Mexiko und Brasilien sind Populisten frisch an die Macht gekommen, Venezuela erlebt eine noch nie dagewesene Krise, und Kolumbien muss seinen neu gefundenen Frieden nach 50 Jahren Bürgerkrieg mit der Guerilla-Organisation Farc erst einmal in die Normalität finden. Wie schwer sich das Land mit dem Vakuum, dass die Farc hinterlassen hat, tut, zeigt die traurige und stetig wachsende Liste an ermordeten Gewerkschaftsmitarbeitern und Menschenrechtsaktivisten in Kolumbien - die Kriminalität steigt an.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Busch teilt Lateinamerika in zwei Bereiche ein. Da gibt es das Lateinamerika nördlich des Panama-Kanals, dort dominiert Mexiko, dort dominieren die USA. Es ist eine Region, die in die globale industrielle Wirtschaftskette eingebunden ist. "In Mexiko gibt es Inseln der Hochtechnologie, die ausschließlich für den Export arbeiten. Ein Autoteil überquert oft achtmal die Grenze mit den USA, bis das Auto schließlich in Europa oder den USA verkauft wird", erklärt Busch.

Rohstoffe als Motor

Südlich des Panama-Kanals sieht es anders aus. Die Märkte sind abgeschottet mittels Zöllen und Gebühren. "Südamerika ist eine abschreckende Region, wenn man sich den Doing-Business-Report der Weltbank ansieht. Davon ist nur Chile ausgenommen", gibt Busch zu. Trotzdem kann man Südamerika aufgrund seiner Größe nicht vernachlässigen. Sogar im absoluten Krisenland Venzuela mache die Hälfte der im deutschen Dax notierten Konzerne bis heute noch Geschäfte.

Das Erdölland Venezuela ist ein eminenter Vertreter des anderen Lateinamerikas, südlich des Panama-Kanals, dort, wo die Extraktion von Rohstoffe bis heute die wirtschaftliche Hauptader ist. Dazu zählen Agrarrohstoffe genauso wie Öl, Gas, Eisenerze, Kupfer, um nur einige zu nennen.

Das ist einer der Gründe, weshalb Südamerika in den 2000er Jahren extrem erfolgreich war, mit einem ständigen Wachstum von um die vier Prozent. Die Rohstoffpreise explodierten. In vielen Ländern waren zudem Regierungen an der Macht, die die Mehreinnahmen in Sozialprogramme investierten und eine gewisse gesellschaftliche Umverteilung vornahmen.