"In dieser Zeit ist es gelungen, dass Lateinamerika erstmals ein Mittelschichtskontinent geworden ist", meint Busch. "Das ist vielleicht keine Mittelschicht, die mit Europa vergleichbar ist. Es ist aber eine Mittelschicht, die sich dadurch auszeichnet, dass zum ersten Mal die Mehrheit der Marktteilnehmer in der Lage war, über den Tag hinauszudenken." Das hätte immense Auswirkungen auf die Wertschöpfungsketten gehabt, wenn plötzlich in Versicherungen, Bildung, Konsum investiert werden konnte.

Mit der globalen Wirtschaftskrise blieb die Nachfrage nach Energie und Baumaterialen aus - die Preise sackten in den Keller.

"Die Speisekammer der Welt"

Das größte Land Lateinamerikas, Brasilien, hat sich etwa bis heute nicht von der Krise erholt, die Arbeitslosigkeit ist weiterhin hoch. Ob die Reformen des brasilianischen Wirtschaftsministers Paulo Guedes, die eher auf einen Sparkurs hinauslaufen, daran etwas ändern werden, wird sich zeigen.

"Man muss als Investor natürlich wissen, ob es einem wichtig ist, dass die Konjunktur im Land generell gut läuft", erklärt der Wirtschaftsdelegierte in Brasilien, Klaus Hofstadler. Unternehmen, die in der Agro-Industrie oder im Bergbau investiert sind, bleiben von den Krisen fast unberührt. "Brasilien ist die Speisekammer der Welt. China kann ohne die brasilianische Nahrungsmittelindustrie nicht existieren. Und so lange Handys gebraucht werden, werden Eisenerze gebraucht.

Laut Busch sei es inzwischen normal, dass chinesische Korrespondenten alle Lokalpolitiker in abgelegenen Dörfern kennen. In Chinas Universitäten seien die Säle bei Vorlesungen über brasilianische Innenpolitik berstend voll.

Der Wirtschaftsdelegierte in Kolumbien, Hans-Jörg Hörtnagl, wirbt für Infrastrukturprojekte in Kolumbien. Ein Drittel der Landfläche wurde früher von der Farc-Guerilla kontrolliert. Diese wird nun erschlossen. In den nächsten 20 Jahren werden 61 Milliarden Dollar in Infrastruktur gesteckt werden, 8000 Kilometer Straßen sollen errichtet werden. Auch ein U-Bahn-Projekt in der 10-Millionen-Stadt Bogotá sei in der Entwicklung.

Friedrich Steinecker, Delegierter in Mexiko-Stadt, gibt sich übrigens trotz aller Drohungen des US-Präsidents Richtung Süden betont gelassen. "Mexiko liegt vor der Haustür des größten Konsummarkt der Welt", so Steinecker. Und Mexiko habe noch immer Produktionsbedingungen, "die nicht zu übertreffen sind". Das sieht konkret so aus: "Wir sind jetzt in Mexiko bei einem Mindestlohn von ungefähr acht Dollar pro Tag. Im neuen USA-Mexiko-Kanada-Abkommen ist festgeschrieben, dass 40 Prozent der Autoteile aus Ländern kommen müssen, wo der Stundenlohn 16 Dollar beträgt, so wie in Kanada. Also, es ist ein weiter Weg, bis Mexiko an Konkurrenzfähigkeit verlieren könnte", meint Steinecker.