"Wiener Zeitung": Sie sagen seit geraumer Zeit, die Welt stehe vor der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten. Wie groß ist diese größte Krise?

Dirk Müller: Die größte Wirtschaftskrise heißt nicht, dass wir hungernde Horden durch Wien laufen sehen. Aber es wird zum ersten Mal eine sein, die wirklich rund um den Globus geht. In der Vergangenheit hatten wir nur regionale Wirtschaftskrisen.

Bei der jüngsten großen Wirtschaftskrise 2007 waren vor allem die USA und Europa betroffen.

Genau, bei der nächsten Krise wird Asien mit dabei sein. Nicht nur das: Auslöser für die Krise wird China sein. Seit Jahren trommle ich, dass China die größte Blase der Weltwirtschaft ist. Und die Amerikaner werden China den Stecker ziehen.

Der Handelsstreit zwischen den USA und China scheint zwar zu eskalieren. Aber viele sagen, dass sich die USA damit ins eigene Fleisch schneiden und daher einlenken werden.

Die meisten dieser Experten kommen aus der Wirtschaft, sind oft etwas selbstherrlich und sehen die Wirtschaft als oberste Handlungsmaxime. Sie übersehen dabei eine Ebene, die seit Menschengedenken immer alles dominiert hat: die der Macht.

Wo fängt der Kollaps in China an? Mit dem Wegfall der Nachfrage aus den USA? Oder mit dem Platzen der Immobilienblase in China?

Es wird alles zusammenbrechen, die komplette chinesische Wirtschaft. Ich vergleiche China oft mit dem Goldrausch in Alaska. Dort sind Hunderttausende hingezogen und haben ihr Geld mitgebracht. Es wurde losgelegt, investiert und gebaut. Da haben alle zuerst von dem Geld gelebt, das von außen kam, nicht von dem Gold. Als der Zuzug aufhörte, nahm das Schicksal seinen Lauf.

Woran erkennt man die Blase in China?

Es gibt dort seit 40 Jahren einen Boom ohne jegliche Preiskorrektur. In den Geisterstädten Chinas sind 50 bis 60 Millionen leerstehende Wohneinheiten gebaut worden. Es gibt Autobahnen ohne Autos, Flughäfen ohne Flugzeuge. Nur weil es 40 Jahre funktioniert hat, heißt es nicht, dass es normal und gut ist.

Aber China versucht, kontrolliert die Luft herauszunehmen und im einstelligen Bereich zu wachsen.

Wenn die Chinesen könnten, hätten sie weiter 15 Prozent. Aber es geht nicht, weil es ein Schneeball-System ist. Wie bei dem Goldrausch. Im Westen haben wir für Investoren Zinsen von 2 bis 3 Prozent gehabt. Jeder konnte sein Geld nehmen, in China in Renminbi umtauschen und loslegen: Immobilien-Beteiligungen, Unternehmensbeteiligungen, das spielte keine Rolle, das Wachstum war immer zweistellig, rund 15 Prozent. Was kann ich kaufen? Vollkommen egal! Alles steigt! Aber verantwortlich dafür war das zuschießende Geld. Und jetzt ist das Kartenhaus zu groß, dass gar nicht mehr genug neues Geld nachkommen kann, um es in dem Tempo aufrechtzuerhalten.