Berlin/Wien. Die Sorgen um die deutsche Wirtschaft nehmen nach einem schlechten Frühjahrsauftakt deutlich zu: Sowohl Exporte als auch Produktion brachen im April angesichts von Handelskonflikten und schwacher Weltkonjunktur so stark ein wie seit annähernd vier Jahren nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt könnte im zweiten Quartal schrumpfen, befürchten Ökonomen.

"Nach einer Phase der Hochkonjunktur kühlt sich die Wirtschaft in Deutschland gegenwärtig spürbar ab", erklärte die Deutsche Bundesbank am Freitag. Sie rechnet heuer nur noch mit einem Wachstum von 0,6 Prozent, nachdem sie im Dezember noch 1,6 Prozent vorausgesagt hatte.

Die Zahlen des Wirtschaftsministeriums sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache: Die deutschen Exporte fielen im April um 3,7 Prozent niedriger aus als im Vormonat, teilte das Statistische Bundesamt mit. Im März hatte es noch ein Wachstum von 1,6 Prozent gegeben. Die Unternehmen drosselten zugleich ihre Produktion: Industrie, Baubranche und Versorger stellten zusammen 1,9 Prozent weniger her als im Vormonat. Angesichts der schlechten Stimmung in den Unternehmen geht das Ministerium "weiterhin von einer gedämpften Industriekonjunktur in den kommenden Monaten" aus.

Ökonomen sehen das noch kritischer. "Die Produktions- und Außenhandelsdaten sind gruselig", sagte DekaBank-Volkswirt Andreas Scheuerle. "Der Start in das zweite Quartal war ein Desaster." Im ersten Jahresviertel war Europas größte Volkswirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen, nun droht ein Minus. "Mit einer ausgeprägten Rezession rechnen wir aber weiterhin nicht", betonte Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen. "Denn die expansive Geldpolitik der EZB stützt weiterhin die Inlandsnachfrage, und im späteren Verlauf des zweiten Halbjahres dürfte sich auch die Auslandsnachfrage wieder etwas beleben."

Hoffnung und große Risiken

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte am Donnerstag beschlossen, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2020 bei 0,0 Prozent zu belassen, wodurch Kredite für Investitionen und Konsum sehr günstig bleiben dürften. Zudem könnte der April auch deshalb so schwach ausgefallen sein, weil das Osterfest komplett auf diesen Monat fiel und die Feriensaison viele Betriebe ausbremste.

Die Bundesbank geht davon aus, dass die Ausfuhren ab dem zweiten Halbjahr allmählich wieder kräftiger zulegen werden. Dann werde auch die Industrie wieder mehr produzieren. "Sobald die Auslandsnachfrage in Gang kommt, wird das Wachstum der deutschen Wirtschaft wieder auf einem breiteren Fundament stehen", betonte Bundesbankpräsident Jens Weidmann.

Allerdings bestehen auch enorme Risiken. So hat sich der Handelsstreit zwischen den USA und China seit Mai wieder zugespitzt. Beide Länder sind extrem wichtige Kunden der deutschen Wirtschaft. Kühlt sich die Konjunktur dort durch den Zollstreit ab, bekommen das auch die deutschen Hersteller zu spüren. "Eines wird deutlich: In Zeiten von Handelskrieg ist das wirtschaftliche Risiko für die deutsche exportabhängige Wirtschaft besonders hoch", warnte deshalb der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel.

Die Daten aus Deutschland sind auch keine gute Nachricht für die gesamte europäische Wirtschaft. Und sie kommen in einer ohnehin schon kritischen Phase die EU: Die Möglichkeit eines ungeordneten Brexit sorgt nach wie vor für große Unsicherheit. Und Italien streitet sich wegen seines überbordenden Defizits gerade mit der EU-Kommission, die ein Verfahren gegen Italien eingeleitet hat.