"Neuer langer Marsch"

So stimmte der Parteichef sein Land schon Ende Mai auf schwierige Zeiten ein und rief zu einem "neuen langen Marsch" auf - in Erinnerung an den Rückzug der Roten Armee im Bürgerkrieg gegen die nationalchinesischen Truppen, mit dem die Kommunisten am Ende ihre Macht festigen konnten. "Wir müssen wieder von vorne anfangen."

Der überraschende US-Schlag gegen den Telekomriesen Huawei dürfte Xi Jinping die letzten Illusionen geraubt haben. Aus chinesischer Sicht hat längst ein "neuer Kalter Krieg" begonnen, mit dem die absteigende Supermacht USA die aufsteigende Macht China klein machen will.

Es geht den Hardlinern in Washington nicht mehr allein um Handel. Sie wollen aus Pekinger Sicht nichts weniger als einen "Regimewechsel". Eine Fehlkalkulation? "Um es einfach zu sagen: Die USA überreizen ihr Blatt", kommentierte Zhang Jun, Dekan der Wirtschaftsschule an der Fudan Universität in Shanghai, bei "Channel News Asia".

"Es gibt keinen klaren Weg für Trump, um voranzugehen", sagte auch China-Experte James McGregor dem "Intelligencer". "Seine Idee ist, dass Amerika so mächtig ist, dass es China in die Knie zwingen kann und China dazu bringt, sein System zu ändern", sagte der ehemalige Präsident der US-Handelskammer in China. "Viel Glück damit."

Chinas Führung pumpt gegenwärtig Geld in die Wirtschaft, um das Wachstum zu stützen, während der Außenhandel zurückgeht und die Verunsicherung der Investoren wächst. Das vertagt zwar die notwendige Entschuldung oder verschärft andere Probleme. Aber schon nach der Finanzkrise 2008 hat China große Leidensfähigkeit bewiesen, als Wanderarbeiter ohne Jobs in ihre Dörfer zurückkehrten und im sozialen Netz ihrer Familien den Sturm aussitzen konnten.

Aufgeputschte US-Wirtschaft

In der Zwischenzeit profitieren Länder wie Vietnam, Taiwan und andere von dem Handelsstreit, da sie jetzt mehr in die USA und nach China liefern können. Aber Firmen verlagern nicht unbedingt ihre Produktion in die USA, wie Trump hofft, dessen Gedanken hauptsächlich um den Wahltermin im kommenden Jahr kreisen.

Das Weiße Haus hofft, dass sich die bereits lange vor Trumps Amtsübernahme eingesetzte Boomphase noch möglichst lange bis zum Wahltermin hinzieht - und spart nicht mit Stimuli, in Form etwa von Steuergeschenken.

Adam Posen, Chef des renommierten Washington Peterson Institutes, wirft Trump deshalb auch vor, der US-Wirtschaft Aufputschmittel zu verabreichen: "Es ist dasselbe, wie viel Red Bull zu trinken", sagte er bei Bloomberg TV. Man könne erschöpft sein, kaum Energie haben: "Aber wenn man Red Bull trinkt, kann man trotzdem noch eine Weile herumhüpfen. Das ist es, was die US-Volkswirtschaft eben tut."

Gerade in Bezug auf die Wahl 2020 treibt Trump ein auch für sich selbst gewagtes Spiel. Der IWF hat ihm erst vor wenigen Tagen den Spiegel vorgehalten. Die wichtigsten Kennzahlen für die US-Volkswirtschaft sehen ganz gut aus. Doch im Inneren rumort es. Bei den "weichen" Faktoren - Sterblichkeitsrate, Bildung, Sozialwesen, Wohlstandsverteilung - stehen die USA ganz am Ende der Skala unter den wichtigsten westlichen Industrieländern. Trump hatte genau wegen dieser Missstände und der damit einhergehenden Unzufriedenheit die Wahl 2016 gewinnen können.(dpa, Andreas Landwehr, Michael Donauser)