"Wiener Zeitung": Sie gelten als Vater der Modernen Geldtheorie (Modern Monetary Theory). Können Sie Ihre Ideen in ein paar Sätzen erklären?

Warren Mosler: Staaten, die eine eigene Währung haben, geben Geld aus und kassieren erst danach Steuern. Politiker sagen aber immer, dass es genau andersherum ist. Sie sagen, dass sie Steuern einheben müssen, um es ausgeben zu können. Oder sie sagen, sie müssen es ausborgen. Aber wie gesagt, so läuft das nicht. Denken Sie an ein Fußballspiel oder ein Popkonzert: Jeder weiß, dass das Stadion nicht zuerst die Tickets der Besucher einsammelt und entwertet und sie danach erst verkauft. Die Tickets werden natürlich zuerst verkauft und dann bei der Eintrittsbarriere wieder eingesammelt. Beim Geld ist es genauso: All die Dollars, mit denen die Menschen ihre Steuern zahlen, kommen von der Federal Reserve. Und die Euros, mit denen die Europäer ihre Steuern zahlen, kommen von der Europäischen Zentralbank. Wenn aber alles Geld, das im Umlauf ist, von der Notenbank kommt, wie soll einem Staat dann das Geld ausgehen?

Aber . . .

Die Skepsis kenne ich. Ich war mit meiner Frau vor ein paar Jahren in Pompeji. Unsere Reiseführer hat uns Münzen gezeigt, die gefunden wurden. Er sagte zu uns: "Schaut euch einmal diese Münzen an! Man hat hier in Pompeji solche Münzen als Steuer eingehoben und dann die Menschen bezahlt, um die Aquädukte zu bauen und instandzuhalten oder um für die öffentliche Sicherheit zu sorgen." Darauf sagte ich: "Nein, ich glaube, dass der Kaiser mit diesem Münzen zuerst einmal jemanden bezahlt hat, und dann hat man wieder Steuer eingehoben." Naja, geglaubt hat mir das unser Reiseführer nicht. Aber ich bin sicher, dass jeder in Pompeij bis zum tragischen Ende der Stadt im Jahr 79 gewusst hat, dass das so ist.

Was ist Ihrer Theorie zufolge die Aufgabe von Steuern?

Sobald Steuern eingehoben werden, braucht jeder diese Münzen, um seine Steuerschuld zu begleichen. Also begeben sich die Menschen auf die Suche nach Arbeit. Es geht nicht einfach darum, Geld einzusammeln. Es geht darum, dass man die Leute dazu bringt, dass sie Geld brauchen. Und um dieses Geld zu verdienen, arbeiten sie dann - etwa in der Armee, in einem Bautrupp oder bei der Polizei. Sobald Geld in Umlauf gebracht wird, suchen die Menschen sich bezahlte Arbeit. Leider machen wir uns zu viele Gedanken über Inflation, aber nicht genügend Gedanken über Arbeitslosigkeit.

Gegner der modernen Geldtheorie kritisieren, dass Sie es sich mit dem Gelddrucken recht einfach machen. Wenn der Staat welches braucht, soll er einfach welches drucken.