Die Vertreter der Modern Monetary Theory fühlen sich naturgemäß missverstanden.

MMT beruft sich auf das 1905 erschienene Werk des deutschen Nationalökonomen Georg Friedrich Knapp: Die "Staatliche Theorie des Geldes". Knapp schrieb: "Das Geld ist ein Geschöpf der Rechtsordnung." Vor allem seit dem Ende des Goldstandards fußt die Akzeptanz modernen Geldes auf den Glauben an den Staat, der für die Währung einsteht: Man spricht seither von einer "Fiat-Währung". Der Staat gibt das Geld heraus und bestreitet damit seine Ausgaben.

Die Vertreter der MMT begeben sich auf die Spur des Geldes: Für Warren Mosler, einen der führenden Köpfe der Theorie, ist klar, dass die Notenbank und damit der Staat die Quelle allen Geldes ist (siehe Interview). Zuerst wird das Geld geschaffen, dann mit staatlichen Investitionen oder Löhnen und Gehältern in Umlauf gebracht und dann wird ein Teil des Geldes wieder in Form von Steuern "eingesammelt". Steuern sind also in den Augen der Proponenten der MMT kein Finanzierungsinstrument des Staates, sondern sie dienen dazu, die Inflation zu begrenzen, und sie dienen darüber hinaus als Umverteilungsinstrument. Staatliche Defizite sind für die Vertreter der modernen Geldtheorie eine Quelle privater Ersparnisse.

EZB-Chef Mario Draghi (l.) und Fed-Chef Jerome Powell. - © ap/Jose Luis Magana)
EZB-Chef Mario Draghi (l.) und Fed-Chef Jerome Powell. - © ap/Jose Luis Magana)

Nach der Modern Monetary Theory dienen auch Staatsanleihen nicht der Finanzierung von Staatsschulden, sondern der Zinssteuerung. Der Staat will mit der Ausgabe von Staatsanleihen schlicht verhindern, dass der Zins auf null fällt, indem er Zinsen zahlt.

Die US-Wirtschaftswissenschafterin Stephanie Kelton, eine weitere Proponentin der Modern Monetary Theory (im kommenden Jahr erscheint ihr Buch "The Deficit Myth: Modern Monetary Theory and the Birth of the People’s Economy"), ist der Meinung, dass Ökonomen und Politiker zu sehr in Angststarre verfallen, wenn es ums Staatsdefizit geht - und verweist auf Japan, wo die Schulden 253 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung ausmachen. Trotzdem hat das Land so gut wie keine Inflation. Kelton - sie ist auch im Beraterstab des demokratischen Senators Bernie Sanders (der Sozialist bewirbt sich auch diesmal um die Nominierung bei den Demokraten) - sprach in der beliebten US-Radiosendung "Planet Money" im September 2018 davon, dass Inflation erst dann ein Problem werde, wenn der Staat mehr Geld ausgibt, als der Markt absorbieren kann. Wenn etwa so viele Bauprojekte in Auftrag gegeben werden, dass nicht mehr genügend Arbeiter, Zement oder Ziegel zur Verfügung stehen und somit die Preise steigen. "Jede Volkswirtschaft hat eine Konjunktur-Geschwindigkeitsbegrenzung. Aber diese Geschwindigkeitsbegrenzung hat mit Ressourcenknappheit zu tun." Kelton gilt auch als eine der Vordenkerinnen der demokratischen Idee einer Jobgarantie. Sie kritisiert, dass der Staat, um die Wirtschaft anzukurbeln, an der Zinsschraube herumdreht: Der Staat solle nicht den Umweg über die Notenbank gehen und die Zinsen senken, sondern der Staat solle einfach Leute einstellen, wird sie in der Sendung auf National Public Radio (NPR) zitiert.