Wien. Als die US-Frackingindustrie vor rund fünf Jahren damit begann, im großen Stil im Revier der Opec zu wildern, galt im Kartell der erdölproduzieren Länder noch der Angriff als beste Form der Verteidigung. Mit einem hemmungslosen Wettpumpen wurde damals versucht, die neue Konkurrenz aus dem Markt zu drängen, denn anders als die US-Schieferölproduzenten konnten Länder wie Saudi-Arabien auch noch bei einem Ölpreis von unter 55 Dollar noch halbwegs profitabel produzieren.

Für den letztlich gescheiterten Verdrängungsversuch mussten die Opec-Länder allerdings einen hohen Preis zahlen, die Einnahmenausfälle aus dem Öl-Geschäft rissen teils gewaltige Löcher in die Staatskassen. Lust auf eine Wiederauflage des ruinösen Wettbewerbs gibt es dementsprechend keine mehr, vielmehr bemüht sich das Öl-Kartell heute vor allem darum, die Lage am Markt zu stabilisieren. So hat die Opec gemeinsam mit ihren zehn Partnerländern am Montag vereinbart, die Obergrenze für ihre Ölförderung um neun Monate verlängern. Die 24 Länder würden einen entsprechenden Vorschlag unterstützen, sagte der russische Energieminister Alexander Nowak in Wien, wo derzeit Opec-Vertreter und Partnerländer bei einem zweitägigen Treffen über die Fördermengen beraten.

Im Dezember hatten sich die "Opec+"-Staaten - zu ihnen gehören die 14 Opec-Mitglieder sowie zehn weitere kooperierende Staaten wie etwa Russland - nach langen Verhandlungen auf eine Produktionskürzung verständigt. 1,2 Millionen Barrel Öl pro Tag weniger wollten die 24 Staaten aus dem Boden pumpen. Dabei entfallen 800.000 Barrel auf die Opec-Staaten, die restlichen 400.000 Barrel auf die zehn anderen kooperierenden Länder, darunter Russland. Die Opec-Staaten stellen fast ein Drittel des weltweiten Ölangebots, die große Runde der "Opec+" gemeinsam fast die Hälfte.

Die Kürzung wurde in den vergangenen Monaten nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris insgesamt auch umgesetzt, in einigen Monaten sogar übererfüllt. Der Ölpreis setzte gleichzeitig zu einer Achterbahnfahrt an. Kurz nach dem Deal lag die Nordseesorte Brent Ende 2018 bei rund 50 Dollar pro Barrel. Ende April stand der Kurs kurze Zeit bei mehr als 75 Dollar pro Fass. Es folgte ein erneuter Absturz auf knapp über 60 US-Dollar, seit Mitte Juni steigt der Preis nun wieder. Am Montag lag Brent im europäischen Handel bei 66 Euro, die Sorte WTI übersprang erstmals seit Ende Mai wieder kurzfrisitig die 60-Dollar-Schwelle.

Vor allem Saudi-Arabien braucht aber wohl einen noch höheren Ölpreis. Laut einer Berechnung des Internationalen Währungsfonds benötigt Saudi-Arabien einen Ölpreis von etwa 85 US-Dollar für einen ausgeglichenen Staatshaushalt. Aus Sicht vieler Experten dürfte das auch der Grund sein, warum speziell Riad seine Verpflichtungen an das Ölkartell derzeit deutlich übererfüllt. "Sie nehmen sehr viel auf sich", sagt Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, über Saudi-Arabien. Der Analyst geht allerdings davon aus, dass sich einige Opec-Mitglieder nicht an die vereinbarten Förderkürzungen halten werden. "Die große Frage ist tatsächlich, wie diszipliniert die Staaten sind", sagt de la Rubia.

Auch sonst stellt sich angesichts des noch immer schwelenden Handelskriegs zwischen den USA und China, der angespannten USA-Iran-Krise sowie der festgefahrenen politischen Lage in Venezuela die Frage, welchen Einfluss eine Opec-Entscheidung derzeit tatsächlich auf den globalen Ölmarkt haben kann. De la Rubia glaubt, dass vieles von der generellen Konjunkturerwartung abhängt: "Wenn diese positiv ist, dann wirkt so eine Opec-Entscheidung auch. Wenn aber der Pessimismus überwiegt, wird es die Opec nicht schaffen, sich gegen diese Tendenzen zu stemmen".