Washington/Frankfurt. (rs) An den Märkten gilt es praktisch schon als ausgemachte Sache, dass in den USA die Leitzinsen am 31. Juli um einen Viertelprozentpunkt gesenkt werden. Letzte Zweifel - so es sie denn gegeben hat - hat Fed-Chef Jerome Powell dabei vor kurzem selbst ausgeräumt. Die Notenbank stehe bereit, "angemessen zu handeln", um nachhaltiges Wachstum zu sichern, sagte Powell bei seiner halbjährlichen Anhörung vor dem US-Kongress. Viel eindeutiger kann die Botschaft in der verklausulierten Sprache der Währungshüter wohl kaum sein.

Die Zinssenkung wäre die erste seit Dezember 2008. Und sie würde einen vorläufigen Schlussstrich unter die kontinuierlichen geldpolitischen Straffungsmaßnahmen der vergangenen Jahre ziehen. Nach dem Auslaufen der Quantitative-Easing-Geldschwemme hatten die US-Notenbanker ab 2015 ja auch die Leitzinsen sukzessive auf das derzeitige Niveau von 2,25 bis 2,5 Prozent nach oben geschraubt.

Mit der geplanten Lockerung der Geldpolitik ist die Fed allerdings nicht allein. So hat auch schon die Europäische Zentralbank (EZB) angesichts der aufkommenden Konjunktursorgen, der noch immer schwelenden globalen Handelskonflikte und der schwachen Inflationsentwicklung bereits ziemlich eindeutige Signale in diese Richtung gesendet. Bei der nächsten Sitzung der europäischen Währungshüter am 25. Juli dürfte daher neben einer Erhöhung des Strafzinses für Bankeinlagen bei der EZB vor allem die Wiederaufnahme des erst vor einem halben Jahr beendeten Anleihenkaufprogramms diskutiert werden. Allerdings hat EZB-Chef Mario Draghi deutlich weniger Spielraum als Powell. Der Leitzins in der Eurozone liegt bereits seit mehr als drei Jahren bei null Prozent. Und um ihr Geld bei der Notenbank zu parken, müssen Banken schon jetzt Strafzinsen von 0,4 Prozent zahlen.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Der geldpolitische Kurswechsel, von dem sich die Notenbanker vor allem eine Stützung der Konjunktur durch ausgabefreudigere Unternehmen und Konsumenten sowie ein Anziehen der Inflationsrate erhoffen, birgt allerdings auch Risiken. Denn wenn Fed und EZB ihr Pulver bereits in konjunkturell eher guten Zeiten verfeuern, könnten sie bei einer Rezession auf einmal ohne weitere Optionen dastehen.

Eine Spirale an Zinssenkungen

Doch auch ohne eine massive konjunkturelle Eintrübung hat die Politik des billigen Gelds Nebenwirkungen. So hat der deutsche Bundesbank-Chef Jens Weidmann schon in den vergangenen Jahren immer wieder massive Kritik am von der EZB geschaffenen Niedrigzinsumfeld geübt. Weidmanns Argumente waren dabei die gleichen, die viele deutsche Volkswirte anführen: So seien die niedrigen Zinsen für den Süden Europas zwar zu rechtfertigen, in wirtschaftlich starken Ländern würden damit aber gefährliche Blasen auf den Finanz- oder Immobilienmärkten entstehen.

Der angedachte Kurs der geldpolitischen Lockerung wird laut Peter Chatwell, Zinsexperte bei der Bank Mizuho, auch einen Abwärtswettlauf der Währungskurse einläuten. "Diese Entwicklung bringt einen weltweiten Währungskrieg in unser zentrales Szenario", sagt Chatwell. Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner warnt in diesem Zusammenhang vor einer Zinssenkungsspirale. "Viele andere Zentralbanken werden der Fed alleine deshalb erneut folgen, um eine Aufwertung ihrer Währungen gegenüber dem Dollar zu verhindern." Aber auch der EZB käme eine Aufwertung der gemeinsamen Währung bei der momentan unsicheren Konjunkturlage nicht unbedingt gelegen, denn mit einem teueren Euro verliert die Exportwirtschaft in Europa an Wettbewerbsfähigkeit.

Zu den Verlieren der aktuellen Entwicklung gehören nicht zuletzt die Sparer. Da die schon anvisierte Zinswende im Euroraum nun auf zumindest auf Sommer 2020 verschoben ist, werden sie sich zunächst weiter mit mickrigen oder gar keinen Zinsen begnügen müssen. Was schlecht für die Sparbuchbesitzer ist, ist allerdings gut für Kreditnehmer. Sie können Darlehen wohl auch künftig zu günstigen Konditionen finanzieren.