Brüssel/Wien. Wozu braucht Europa einen Strombinnenmarkt? Nun, jeder, der nicht zu 100 Prozent eigenen Strom produziert, mittels privater Photovoltaik oder privaten Windrädern, benötigt Strom aus dem Stromnetz.

Produziert wird dieser Strom entweder unter grünen Gesichtspunkten, oder nach herkömmlicher Art, in Kohlekraftwerken oder AKW-Meilern. Letzteren ist es egal, wo man sie aufstellt. Anders bei den grünen Stromlieferanten: Wasserkraft kann man logischerweise nur dort produzieren, wo viel Wasser ist, Sonnenenergie ist dort sinnvoll, wo viele Sonnentage sind. Und für Windräder sollte man sich möglichst exponierte Orte aussuchen.

Das Gute ist: Europa hat von all diesen Stellen mehr als genug. Viel Sonne im Süden. Viel Wind im Norden. Und viel Wasserkraft, in der Mitte, etwa in Österreich.

Doch die Stromverbraucher wohnen oft nicht neben den Produktionsorten. Das gilt beim grünen genauso wie beim konventionellen Strom.

Also muss der Strom hergeleitet werden. Und hier sollten Grenzen keine Rolle spielen. In der Theorie. In der Praxis ist es aber noch immer so: Denn jedes Land protegiert mehr oder weniger seine eigene Erzeugung.

Wie schwer kann es sein, in Europa einen Strombinnenmarkt zu erreichen? Sehr schwer, sagen die einen. Es ist noch ein langer Weg Die anderen sagen: Alles eine Definitionsfrage. In gewisser Weise habe man bereits einen europäischen Binnenmarkt für Strom. Es gibt die dafür notwendigen grenzübergreifenden Leitungen. Es gibt den dafür notwendigen Austausch.

Der europäische Strombinnenmarkt ist "unvollständig", formuliert es diplomatisch der Leiter des heimischen Regulators E-Control, Wolfgang Urbantschitsch, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Natürlich sei das nichts, was von heute auf morgen umzusetzen ist, meint Urbantschitsch.

Auch wenn "heute" in dem Fall schon länger her ist: Begonnen hat es in Brüssel vor zwanzig Jahren. Jetzt sind die EU-Länder gerade dabei, die vierte Auflage der Binnenmarkts-Intensivierung zu implementieren. Die steht ganz unter dem Zeichen von Clean Energy. Anfang Juli ist der erste Teil der Novelle in Kraft getreten, da geht es um den Stromhandel. Vieles hat bis Ende 2020 Zeit.

Zügig ist das nicht, wenn man bedenkt: Schon vor acht Jahren haben sich die europäischen Staats- und Regierungschefs für einen Strom-Binnenmarkt entschieden. Zumindest war das als Lippenbekenntnis da. Florian Ermarcora, der in der Generaldirektion Energie der Europäischen Kommission in Brüssel arbeitet, gibt zu, dass seine Abteilung ein wenig überrascht war, als man mit den Verhandlungen für die gewünschte Reform zur Vereinheitlichung begonnen hat.