London. Es reicht nicht, nur die Daten von 2,38 Milliarden Nutzern zu haben. Facebook, das ubiquitäre Social-Media-Netzwerk, will bekanntlich eine eigene Währung unter dem Namen Libra hervorbringen. Das Projekt sorgt aber nicht nur bei Datenschützern und in der klassischen Finanzwelt für Stirnrunzeln. Sogar bei den Vordenkern  für Kryptowährungen und Blockchain-Technologie stoßen die Pläne des US-Internetriesen für einen eigenen digitalen Bezahlkosmos auf Skepsis.

"Die Community für Kryptowährungen ist in ihrem Denken sehr libertär", betont Helen Disney, Gründerin der auf die Verbreitung der Blockchain-Technologie spezialisierten Firma Unblocked Events. Die Kryptowährung baut auf der politischen Philosophie auf, nach der bei der Bestimmung der Spielregeln statt staatlicher Beschränkung die individuelle Freiheit im Zentrum stehen soll. Es gehe darum, "die Macht dem Volk zu geben, die Demokratisierung des Finanzwesens zu erreichen und Großbanken und Unternehmen, die die Wirtschaft kontrollieren, fernzuhalten".

Unternehmen sollten draußen bleiben

So etwas dürfte schwierig sein, wenn eines der größten Unternehmen der Welt die Währung herausbringt. Für Helen Disney überwiegen daher bei Libra die Zweifel - wer überwacht und reguliert Libra? Die Leute seien "besorgt darüber, wie die Kontrolle wohl funktionieren wird".

Die bisher bekannteste Kryptowährung Bitcoin wurde 2009 aus der Idee geboren, eine von Staaten, Zentralbanken und der Geldpolitik unabhängige Währung zu erschaffen.

Staat will es nicht aus der Hand geben

Zu einem ähnlichen Ergebnis, wenn auch über einen anderen Weg, kommen die Regierungen: "Die Herausgabe einer Währung gehört nicht in die Hände eines Privatunternehmens, denn sie ist ein Kernelement staatlicher Souveränität", sagte Deutschlands Finanzminister Olaf Scholz am Dienstag. "Der Euro ist und bleibt das einzige gesetzliche Zahlungsmittel im Euroraum."

US-Finanzminister Steven Mnuchin sagte, Facebook und andere Anbietern von Finanzdiensten müssen die gleichen Maßnahmen zum Kampf gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung umsetzen wie Banken. Facebook sei "weit davon entfernt", von den US-Behörden grünes Licht für das sogenannte Libra-Projekt zu erhalten. "Sie werden uns mit sehr hohen Standards überzeugen müssen, bevor sie Zugang zum US-Finanzsystem bekommen."

"Darf ich diejenigen um Handzeichen bitten, die nicht bereit sind, Libra zu nutzen?", fragte vergangene Woche der Moderator bei einer Veranstaltung der Londoner FinTechWeek. Das Misstrauensvotum unter den rund hundert Experten fiel eindeutig aus: Zwei Drittel hoben ihre Hand.

Bei Libra sind neben der neugegründeten Facebook-Finanzdiensttochter Calibra rund 100 Partnerfirmen mit an Bord - von den Zahlungsschwergewichten Visa, Mastercard und Paypal bis hin zu den Fahrdienstvermittlern Lyft und Uber.

Um auf dem Smartphone die Ersatzwährung, deren Stabilität durch die Bindung an einen Korb staatlicher Währungen wie Euro und Dollar garantiert werden soll, zu nutzen, müssen Nutzer eine digitale Geldbörse installieren. So einfach wie eine SMS soll das Abwickeln von Zahlungen sein, wirbt Facebook für Libra.

Mit seiner weltweit gigantischen Nutzerschaft für seine Online-Netzwerke und den Messenger WhatsApp kann Facebook auf eine enorme Verbreitung von Libra setzen. Bei Notenbankern schürt das nicht zuletzt die Sorge davor, dass Facebook durch die Deckung von Libra durch Staatsanleihen zu einem gewaltigen Gläubiger von Staaten werden könnte.

Eine Währung mit der "Ethik von Uber und unter dem bewährten Facebook-Datenschutz"

Bei der Netz-Avantgarde steht hingegen angesichts der jüngsten Skandale bei Facebook und Kritik an den Partnerunternehmen auch der Datenschutz im Fokus. "Ich kann es kaum abwarten: Eine Kryptowährung mit der Ethik von Uber, der Zensur-Gegenwehr von Paypal und der Zentralisierung von Visa - alle vereint unter dem bewährten Facebook-Datenschutz", lautet etwa die Kritik von Sarah Jamie Lewis von der nichtkommerziellen Forschungsorganisation Open Privacy.

Disney erhofft sich von Libra hingegen, dass die Debatte über die Einrichtung von klaren Spielregeln an Fahrt gewinnt, die auch von der Krypto-Community selbst gefordert werden. "Wir warten schon seit langem darauf, dass es ein deutlicheres Signal zur Regulierung von Kryptowährungen und digitalen Vermögenswerten gibt", sagt sie.

James Bennett von der Beratungsfirma Bittassist warnt hingegen davor, Digitalwährungen Bitcoin und Libra in einen Topf zu werfen. "Auf lange Sicht dürften die Leute realisieren, dass Libra keine Kryptowährung ist", sagt er.

"Eine echte Kryptowährung sollte widerstandsfähig gegenüber Angriffen von allen Akteuren sein, von souveränen Staaten bis hin zu globalen Konzernen", sagt Bennett. Kryptowährungen seien ein Zahlungsmittel, mit dem Vermögenswerte über das Internet transferiert werden könnten, "das nicht gestoppt, konfisziert oder von einer einzelnen Seite zerstört werden kann".

Die Facebook-Pläne stehen auch auf der Tagesordnung bei den Beratungen der Finanzminister aus den sieben führenden Industriestaaten (G7), die sich am Mittwoch und Donnerstag in Frankreich treffen. Scholz sagte, es gehe darum, globale Antworten zu finden. "Entscheidend ist für mich dabei, dass wir Finanzstabilität und Verbraucherschutz sichern. Grundsätzlich müssen wir Einfallstore für Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung verhindern." Facebook wird beim G7-Treffen nicht vorsprechen können. Stattdessen soll eine Arbeitsgruppe unter Leitung des EZB-Direktors Benoit Coeure erste Erkenntnisse zu angedachten Kryptowährungen vorstellen.

Facebook hatte im Juni angekündigt, Libra in der ersten Hälfte 2020 einführen zu wollen. Der zuständige Facebook-Manager David Marcus will am Dienstag und Mittwoch vor dem Kongress für das Projekt werben, dem Experten zutrauen, dass es die Finanzwelt auf den Kopf stellen könnte. Laut Redemanuskript will der frühere Manager des Online-Bezahldienstes PayPal dabei erklären, dass Libra nicht als Konkurrenz zu staatlichen Währungen gedacht sei. Die Facebook-Währung werde nicht eingeführt, bis alle regulatorischen Bedenken ausgeräumt und Genehmigungen eingeholt seien. "Wir wissen, dass wir uns die Zeit nehmen müssen, um dies richtig zu machen." (wak/apa/afp/reuters)