"Darf ich diejenigen um Handzeichen bitten, die nicht bereit sind, Libra zu nutzen?", fragte vergangene Woche der Moderator bei einer Veranstaltung der Londoner FinTechWeek. Das Misstrauensvotum unter den rund hundert Experten fiel eindeutig aus: Zwei Drittel hoben ihre Hand.

Bei Libra sind neben der neugegründeten Facebook-Finanzdiensttochter Calibra rund 100 Partnerfirmen mit an Bord - von den Zahlungsschwergewichten Visa, Mastercard und Paypal bis hin zu den Fahrdienstvermittlern Lyft und Uber.

Um auf dem Smartphone die Ersatzwährung, deren Stabilität durch die Bindung an einen Korb staatlicher Währungen wie Euro und Dollar garantiert werden soll, zu nutzen, müssen Nutzer eine digitale Geldbörse installieren. So einfach wie eine SMS soll das Abwickeln von Zahlungen sein, wirbt Facebook für Libra.

Mit seiner weltweit gigantischen Nutzerschaft für seine Online-Netzwerke und den Messenger WhatsApp kann Facebook auf eine enorme Verbreitung von Libra setzen. Bei Notenbankern schürt das nicht zuletzt die Sorge davor, dass Facebook durch die Deckung von Libra durch Staatsanleihen zu einem gewaltigen Gläubiger von Staaten werden könnte.

Eine Währung mit der "Ethik von Uber und unter dem bewährten Facebook-Datenschutz"

Bei der Netz-Avantgarde steht hingegen angesichts der jüngsten Skandale bei Facebook und Kritik an den Partnerunternehmen auch der Datenschutz im Fokus. "Ich kann es kaum abwarten: Eine Kryptowährung mit der Ethik von Uber, der Zensur-Gegenwehr von Paypal und der Zentralisierung von Visa - alle vereint unter dem bewährten Facebook-Datenschutz", lautet etwa die Kritik von Sarah Jamie Lewis von der nichtkommerziellen Forschungsorganisation Open Privacy.

Disney erhofft sich von Libra hingegen, dass die Debatte über die Einrichtung von klaren Spielregeln an Fahrt gewinnt, die auch von der Krypto-Community selbst gefordert werden. "Wir warten schon seit langem darauf, dass es ein deutlicheres Signal zur Regulierung von Kryptowährungen und digitalen Vermögenswerten gibt", sagt sie.

James Bennett von der Beratungsfirma Bittassist warnt hingegen davor, Digitalwährungen Bitcoin und Libra in einen Topf zu werfen. "Auf lange Sicht dürften die Leute realisieren, dass Libra keine Kryptowährung ist", sagt er.

"Eine echte Kryptowährung sollte widerstandsfähig gegenüber Angriffen von allen Akteuren sein, von souveränen Staaten bis hin zu globalen Konzernen", sagt Bennett. Kryptowährungen seien ein Zahlungsmittel, mit dem Vermögenswerte über das Internet transferiert werden könnten, "das nicht gestoppt, konfisziert oder von einer einzelnen Seite zerstört werden kann".