Leverkusen/Wien. (da) 63 Milliarden Dollar zahlte Bayer im vergangenen Jahr für den US-Agrarkonzern Monsanto. Die teuerste Übernahme in der deutschen Wirtschaftsgeschichte kostet die Rheinländer nun wohl weitere Milliarden. Denn in drei Prozessen um Krebsrisiken bei Monsantos glyphosathaltigem Unkrautvernichter Roundup wurde Bayer jeweils zu hohen Schadenersatzforderungen verurteilt.

Das Bayer-Management könnte nun einen Strategiewechsel planen. Es wolle mit einem acht Milliarden Dollar teuren Vergleich die 18.400 Klagen in den USA beilegen, vermeldete die Nachrichtenagentur Bloomberg. Aus der Bayer-Zentrale kam "kein Kommentar", der für die Vereinigten Staaten in Sachen Glyphosat beauftragte Mediator Ken Feinberg dementierte.

Stets schuldig, aber geringere Schadenersatzzahlungen

Zwar hat Bayer Vorwürfe ob des Krebsrisikos stets zurückgewiesen. So erklärte der Konzern anlässlich der Klage Edwin Hardemans, der an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist: "Wir haben großes Mitgefühl mit Herrn Hardeman und seiner Familie - dennoch stützen umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse die Schlussfolgerung, dass Roundup nicht die Ursache seiner Krebserkrankung ist."

Doch die Klagen gegen Bayer häufen sich, seitdem eine Geschworenenjury im August vergangenen Jahres dem Krebspatienten Dewayne Johnson 289 Millionen Dollar zugesprochen hatte. Zwar wurde der Schadenersatz in nächster Instanz auf rund 78 Millionen Dollar reduziert, die Kritik an dem Unkrautvernichtungsmittel blieb jedoch aufrecht. Auch im Fall Hardeman erfolgte eine Reduzierung, von 80 auf 25,3 Millionen Dollar. Denn Monsantos Verhalten sei zwar "verwerflich" gewesen, begründete Richter Vince Chhabria, aber der ursprüngliche Schadenersatz zu hoch angesichts "eines Fehlens von Beweisen für eine bewusste Vertuschung eines bekannten oder offensichtlichen Gesundheitsrisikos". In der dritten Causa um das Ehepaar Alva und Alberta Pilliod wurden aus zwei Milliarden Ende Juli knapp 87 Millionen Dollar.

Obwohl Richterin Winifred Smith von "klaren und überzeugenden" Beweisen sprach, wonach Monsanto versucht habe, wissenschaftliche Untersuchungen zu behindern oder zu verzerren, investierten die Anleger wieder verstärkt in Bayer. Bei 93 Euro stand die Aktie, bevor im August 2018 das erstinstanzliche Urteil im Fall Johnson den Kurs drückte. Bis auf 53 Euro im Juni sank das Papier. Seitdem wurde die 60-Euro-Marke wieder überschritten, und als die Bloomberg-Nachricht am Freitag publik wurde, stieg der Kurs um mehr als zehn Prozent, um binnen Stunden auf plus zwei Prozent abzuschmelzen. Anleger scheinen nicht von einem langfristigen Aufwärtstrend überzeugt zu sein, sie nehmen Gewinne schnell mit.

Vorstandschef Baumann
unter Druck

Von jenen 143 Euro, welche die Bayer-Aktie 2016 vor Bekanntwerden der Fusionspläne mit Monsanto wert war, ist der Kurs ohnehin weit entfernt. Vorstandschef Werner Baumann trieb die Akquise des Unternehmens voran, allen Glyphosat-Bedenken zum Trotz. Die Aktionäre straften ihn bei der Hauptversammlung im April ab, Baumann wurde als erster amtierender Vorstandschef eines im Dax notierten Konzerns von den Anteilseignern nicht entlastet. Branchenkenner vermuten, dass der Hedgefonds Elliott, der rund zwei Prozent an Bayer hält, Druck auf Baumann macht, die Klagen zu stoppen und einen Vergleich zu erzielen.

In Österreich stimmte der Nationalrat Anfang Juli als erstes Parlament in einem EU-Staat für ein Totalverbot von Glyphosat. Wie im Fall der Krebspatienten ließ Bayer daraufhin wissen, die Entscheidung stehe "im Widerspruch zu umfangreichen wissenschaftlichen Ergebnissen".