Krisen, meint Rahim Taghizadedan, sind vor allem schmerzhafte Gesundungsprozesse. - © Andreas Urban
Krisen, meint Rahim Taghizadedan, sind vor allem schmerzhafte Gesundungsprozesse. - © Andreas Urban

"Wiener Zeitung": Herr Taghizadegan, die immer wieder angekündigte Zinswende lässt im Euroraum weiter auf sich warten. Die Leitzinsen sind seit mehr als drei Jahren auf dem Nullpunkt, die Inflation springt trotzdem nicht so richtig an und auch die Konjunktur stottert wieder. Sie behaupten in Ihrem neuen Buch, dass sich die EZB in einer Nullzinsfalle befindet. Eine Falle impliziert, dass man aus ihr nicht mehr rauskommt, oder?

Rahim Taghizadegan: Offensichtlich nicht. Zinserhöhungen sind nämlich nur denkbar, wenn sich eine Erholung in der Realwirtschaft zeigt. Das heißt, wenn die Preise für Konsumgüter steigen. Das ist aber nicht der Fall. Und die andere Möglichkeit für die Notenbanken, der Negativzins, wäre ein echtes Risiko. Er stellt eine psychologische Schwelle dar. Wenn die 2000 Euro am Konto jeden Monat um ein paar Euro weniger werden - etwas, das de facto real ja schon passiert, der Negativzins würde das aber sichtbar machen - , werden die Leute beginnen, Bargeld zu horten. Oder sie weichen auf andere Anlagemöglichkeiten aus. Es käme zu einem weiteren Abziehen von Geld vom Konsum hin zu den Finanzwerten, was die Politik der Zentralbanken hintertreiben würde. Auch führende Zentralbanker gehen deshalb davon aus, dass man, bevor man einen Negativzins einführt, ein Bargeldverbot bräuchte. Dabei kann man es aber nicht bewenden lassen. Man müsste dann sehr weitgehend regulieren, was die Menschen mit ihrem Geld machen. Da käme dann vielleicht noch ein Goldverbot, ein Verbot von Kryptowährungen oder ein Immobilienspekulationsverbot.

Ist sowas überhaupt denkbar oder durchführbar?

Im Moment ist das wenig wahrscheinlich. Das kann sich aber ändern, wenn die Verzweiflung steigt. In der Nullzinsfalle wichen die Zentralbanken auf neue Formen der Geldpolitik aus, etwa das Quantitative Easing, den Ankauf aller möglicher Wertpapiere, zum Beispiel von Staatsanleihen. Das hat aber auch nur zu einer exponentiellen Explosion der Zentralbankbilanzen geführt, ohne deutlichen positiven Effekt. Das erwartete Anziehen der Preise der Konsumgüter hat nicht stattgefunden. Und deshalb denken die Zentralbanken jetzt über andere Möglichkeiten nach, ihr durch sie geschöpftes Geld in Umlauf zu bringen. Das könnten Dinge wie Helikoptergeld sein oder direkte Staatsfinanzierung.

Wäre es nicht doch möglich, die Zinsen wieder zu erhöhen? In den USA ist das doch auch gelungen, ohne dass die Wirtschaft abgewürgt worden wäre. Spricht die Entwicklung dort nicht gegen ihre These?

Dieses sogenannte "Wirtschaftswunder" von Trump hat einen Schönheitsfehler. Es ist durch höhere Verschuldung erkauft. Die USA können sich das aber leisten. Sie verfügen über die Leitwährung Dollar. Damit fließen Gelder in US-Vermögenswerte. Der Euro oder der japanische Yen sind da im Vergleich doch recht kleine Mitspieler. Und solange in Europa oder Japan die Geldpolitik nicht deutlich anders ist, haben die USA kein Problem, ihre durch Geldschöpfung ermöglichte Schuldenfinanzierung weiterzuführen.