Weil Sie Japan angesprochen haben: Japan lebt schon 20 Jahre mit einem Nullzins und hat eine Verschuldung von 253 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Das Land stagniert zwar, einen Crash gab es aber nicht und auch keine Inflation aufgrund der Geldmengenausweitung...

...Geldmengenausweitung in dieser Form muss nicht immer unmittelbar zu Preisinflation führen. Denn die Zentralbank schafft ja auch Erwartungshaltungen. Und bei einer Nullzinspolitik ist die Erwartungshaltung relativ klar: Man erwartet, dass die Finanzwerte steigen. Es kommt zum Abziehen von Ersparnissen und Investitionen hin zu Finanzwerten. Der Realwirtschaft werden Mittel entzogen, eine Sogwirkung entsteht. Man kann jetzt mit geringerem Risiko Renditen einfahren, die nur erzeugt werden durch die Nullzinspolitik, die Geldmengenausweitung der Zentralbanken. Da gehen natürlich viele von riskanteren Unternehmungen ab und verschieben ihr Geld in Finanzwerte.

Weil man da recht bequem Rendite machen kann.

Ja, so lange man davon ausgeht, dass die Zentralbank diese Politik weiterführt. Und diese Politik ist eben auch in Japan sozusagen "alternativlos". Nach und nach stellt sich die Wirtschaft darauf ein. Die Folge ist eine "Zombifizierung". Das heißt, dass Unternehmen immer weniger reale Risikoträger sind, sondern durch billige Kredite weitergeführte Betriebsstätten. Die existieren nur noch aufgrund dieser Bedingungen - sie können nur noch bei einem Nullzins ihre Schuldenlast weiter tragen. Es kommt zu einer Bürokratisierung und Verknöcherung der Wirtschaft. Und da würde ich sagen, dass das japanische Beispiel doch ein sehr negatives ist. Das Japan vor 20, 30 Jahren war der Inbegriff der innovativsten Wirtschaft weltweit. Aus dem Nichts sind da wettbewerbsfähige High-Tech-Unternehmen entstanden, die den amerikanischen Firmen an Innovationskraft und Flexibilität deutlich überlegen waren. Das ist heute nicht mehr der Fall. Gewiss, Japan kann noch relativ lange von früheren Erfolgen zehren, das Kapital ist da. Das wäre in Europa nicht anders. Entscheidend ist aber das Potenzial, das verlorengeht - das sieht man auch an Phänomenen wie dem "Cocooning", wo sich junge Leute gänzlich aus dem Leben zurückziehen. Japan ist heute ein abschreckendes Beispiel dafür, was Jahrzehnte dieser alternativlosen Nullzinspolitik bedeuten.

A propos alternativlos: Die Nullzinspolitik der Zentralbanken war ja eine Folge der Finanzkrise vor mittlerweile mehr als zehn Jahren. Damals war die Welt an der Schwelle der sogenannten "Kernschmelze" des gesamten Finanzsystems, es drohte eine Krise, die möglicherweise die der Dreißiger Jahre in den Schatten gestellt hätte. Waren da die Zinssenkungen nicht wirklich alternativlos? Was hätten die Zentralbanker denn tun sollen?