Ein intelligenter Zentralbanker müsste wahrscheinlich zurücktreten. Weil er ernüchtert wäre über den Umstand, dass er auf der Grundlage falscher Modelle und Prämissen Entscheidungen zu treffen hat, von denen die gesamte Wirtschaft abhängt. Ein normaler Mensch müsste unter dieser Kluft zwischen Verantwortung und dem Dilemma der untauglichen Werkzeuge eigentlich zugrunde gehen. Ich würde zu mehr Bescheidenheit raten. Schließlich wissen wir mittlerweile, dass die Prognosen der großen Wirtschaftsexperten, insbesondere die der Zentralbanken, mit der Realität überhaupt nichts mehr gemein haben. Und es besser ist, zu würfeln, als diesen Prognosen zu folgen. Und das liegt nicht einfach nur daran, dass die Modelle falsch sind, sondern an der Unmöglichkeit, komplexe Systeme dieser Art zu modellieren.

Trotzdem: Hätten die Zentralbanker den Crash zulassen sollen?

Das ist eine heikle Frage. Wenn ein Gefährt mit großer Geschwindigkeit sich auf eine Wand zubewegt, wie reagiert man dann? Bremsen und Verletzte riskieren oder ausweichen und aufs Gas steigen? Letzteres kann das Problem verschärfen und den nächsten, dann aber noch schlimmeren Zusammenstoß provozieren. Krisen sind eben auch Korrekturen, scharfe Korrekturen, und stellen als solche in gewisser Form eine Gesundung dar. Man sollte mehr Augenmerk auf diesen Gesundungsprozess legen, sollte den möglichst reibungslos gestalten und die politischen Folgen minimieren. Und da wäre es sicher sinnvoller, den Fokus auf die Ärmsten und nicht auf die Reichsten zu legen, also nicht auf die Vermögenswerte, sondern auf den sozialen Frieden. Es wurde ja oft angeführt, da sind jetzt 29 Billionen Dollar in die Wall Street geflossen und nichts in die Main Street zu den kleinen Leuten. Das ist tatsächlich eine Schieflage. Die Zentralbankpolitik stellt de fakto einen Wohlfahrtsstaat für Reiche dar. Sie hat insbesondere die Menschen mit Vermögenswerten geschützt vor der Krise, das heißt vor einer scharfen Korrektur.

"Korrektur" klingt für eine potenzielle Weltwirtschaftskrise ziemlich harmlos...

Natürlich wäre das eine schlimme Krise. Aber man muss sich auch bewusst sein, dass sich in einer Wirtschaftskrise keine realen Dinge in Luft auflösen, sondern nur Bewertungen sich ändern. Jede Korrektur ist schlicht eine Umwertung von Werten. Bestimmte Dinge verlieren an Wert, andere gewinnen. Und da wäre eine Redimensionierung der Finanzwerte im Vergleich zu den unternehmerischen Werten schon sinnvoll. Denn das, was wir jetzt haben, stellt keine nachhaltige Situation dar.

Am Buchmarkt gibt es ja mittlerweile genug Crashpropheten. Gehören Sie auch dazu?

Ich glaube nicht an einen großen Crash in dem Sinne, dass plötzlich alles gegen die Wand fährt. Ich glaube an scharfe Korrekturen, aber die sind ja nur ein Crash von Vermögenswerten. Im besten Fall gibt es dann eine alternative Welt, die dann bedeutsamer wird, in der überhaupt kein Crash stattfindet. Viel wahrscheinlicher ist, dass es viele Bruchstellen gibt als einen großen finalen Crash.

Nun gibt es eine lange Geschichte der Kritik am Zins, etwa seitens der Weltreligionen - zum Beispiel dem Islam, wenn man an Begriffe wie das "Islamic Banking" denkt. Aber auch in Europa und Amerika gibt es durchaus moderne Formen von Zinskritik. Wäre eine Welt ohne Zins, eine Nullzinsgesellschaft nicht besser?

Theoretisch ja. Aber paradoxerweise ist das Gegenteil der Fall. Die Zinskritik wird meistens missverstanden als eine Kritik an einem ökonomischen Phänomen. Sie ist aber eigentlich eine moralische Kritik an menschlichen Verhaltensweisen. Man legt an den Menschen den Maßstab des Heiligen an. Tatsächlich würde jemand, für den die transzendente Perspektive überragende Bedeutung hat, einen Nullzins in seinem Verhalten zeigen. Ein Mensch, der nur für das Jenseits, nur für Gott lebt beispielsweise. Der sich völlig von der gegenwärtigen Existenz und ihrem Konsum- und Überlebensdruck gelöst hat. Wenn man aber diesen Maßstab der Heiligen an alle anlegt, erreicht man das Gegenteil. So könnte man etwa die Sowjetunion auch als eine Art riesenhaftes Zwangskloster interpretieren, mit asketischen Anforderungen an reale Menschen. Die Folgen: Es kommt zu einer größeren Orientierung an der Gegenwart, zu einem höheren Materialismus, zu weniger Transzendenz. Wenn sich das Verhalten der Menschen nicht freiwillig ändert, dann kann ich das Phänomen nicht abschaffen. Und das ist das Problem der auf Zwang beruhenden Politik. Die will den Menschen verändern, aber das geht durch Druck und Gewalt nicht gut. Das weiß jeder, der Kinder hat, dass man die nicht beliebig ummodeln kann und schon gar nicht mit Gewalt. Weil ich damit genau das stärke, was ich eigentlich verhindern will. Das ist aber auch das Schöne an der menschlichen Natur, dass es diese Paradoxien gibt. Das ist ein Hinweis auf unsere Freiheit. Und deswegen hat die Nullzinsintervention genau die Folgen, die man von einem sehr hohen Zins oder einer extremen Zinsfokussierung der Wirtschaft erwarten würde: Starkes Renditestreben, erhöhter Materialismus, erhöhter wirtschaftlicher Druck in den Lebensentscheidungen. Genau das Gegenteil von dem also, was man sich bei einem Nullzins eigentlich erwarten würde.•