Jackson Hole. Es gibt Reden, die von der Finanzwelt besonders aufmerksam gehört werden. Die Analysten der Banken und Fonds verfolgen diese Ansprachen ganz genau, und jeder Nebensatz ist dabei eine Interpretation wert. Und diese Interpretationen können am Markt Milliarden verschieben, Kurse nach unten und nach oben treiben.

Am Freitag findet so eine Rede statt. US-Notenbankchef Jerome Powell wird dann in Jackson Hole in den Rocky Mountains sprechen - und die Börsianer erhoffen sich Hinweise darauf, ob mit einer weiteren Zinssenkungen der Federal Reserve (Fed) zu rechnen ist. Die US-Notenbank hatte Ende Juli zum ersten Mal seit der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren ihren Leitzins nach unten gesetzt. Er liegt seitdem in einer Spanne von 2,0 bis 2,25 Prozent. Die Finanzmärkte hoffen nun auf einen weiteren Schritt der Fed in diese Richtung bei ihrer nächsten Zinssitzung im September.

Die führende US-Notenbankerin Esther George hat dieser Hoffnung am Donnerstag aber bereits einen Dämpfer versetzt. "Wir befinden uns gerade in einer Art Gleichgewicht, und ich würde die Zinsen gerne so belassen", sagte die Chefin der Notenbank von Kansas City dem Sender Bloomberg TV. George ist Mitglied des Offenmarktausschusses, der die US-Zinspolitik bestimmt.

US-Präsident Donald Trump hatte immer wieder vehement Zinssenkungen verlangt - und damit die Unabhängigkeit der Fed angegriffen. Diese zeigte sich aber bisher unbeeindruckt - wie das nun veröffentlichte Protokoll der Zinssitzung von Ende Juli zeigt. Das Entscheidungsgremium sei sich einig gewesen, dass die Zentralbank "Flexibilität" bei der Bestimmung der Höhe des Leitzinses brauche, hieß es darin.

Vielleicht haben die Fed-Entscheider aber auch erst nach dem Treffen von Jackson Hole ein genaueres Bild davon, wie sie weiter verfahren wollen. Denn dort versammeln sich die Größen der verschiedenen Notenbanken. Und die Geldpolitik der Fed wird aus Sicht von Fachleuten immer stärker von Kräften außerhalb der USA bestimmt.

"Fast ein Gefangenen-Dilemma"

Zwar muss die Fed nur dem US-Kongress Rede und Antwort stehen und auch ihr geldpolitisches Mandat, für Preisstabilität und für Vollbeschäftigung zu sorgen, betrifft ausschließlich die USA. Doch Experten sind sich sicher: Die Zeiten, in denen die mächtigste Notenbank der Welt ihre Zinspolitik weitgehend unbeeinflusst von außen gestalten kann, sind vorbei.

"Wir sind derart miteinander verwoben worden, dass wir fast in einem Gefangenen-Dilemma stecken", sagt etwa Raghuram Rajan von der University of Chicago Booth School of Business und ehemaliger Notenbank-Gouverneur Indiens. Aus den jahrelangen Niedrigzinsen könne keiner so leicht herauskommen. "Niemand möchte dem anderen voraus sein."

Und auch hier dient die Fed als Beispiel, wie schwierig sich heute ein Alleingang gestalten kann. Noch 2018 dachten die Dollar-Wächter um Powell, dass eine US-Wirtschaft am Rande der Vollbeschäftigung ihnen erlaube, praktisch im Alleingang unter den großen Notenbanken die Leitzinsen anzuheben und ihren Kurs der behutsamen geldpolitischen Normalisierung fortzusetzen. Von Ende 2015 bis Ende vergangenen Jahres setzte die Fed die Zinsen insgesamt neunmal nach oben. Unter den großen Notenbanken der Welt war sie nach jahrelanger Krisenpolitik damit einsamer Vorreiter für einen Kurs der vorsichtigen Abkehr von der ultralockeren Ausrichtung.

Doch globale Faktoren durchkreuzten die weiteren Pläne. Der von Trump angezettelte US-Handelsstreit mit China, ein anhaltend schwaches Wachstum in Japan und Europa sowie die Abhängigkeit vieler ausländischer Unternehmen von günstigen Dollar-Krediten wogen schwer. Dazu kamen wachsende Zinsunterschiede zwischen den USA und dem Rest der Welt.

Das trieb den Kurs des Dollar nach oben - sehr zum Missfallen von Trump. Schließlich vollzog die Fed doch eine Kehrtwende und senkte Ende Juli doch ihren Leitzins.