Wien. Als der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore im Jahr 2006 seinen wegweisenden Dokumentarfilm herausbrachte, nannte er diesen "Eine unbequeme Wahrheit". Gore wollte damit vor allem darauf hinweisen, dass der menschengemachte Klimawandel real ist und eine existenzielle Bedrohung für unseren Planeten darstellt. Heute, 13 Jahre nach der Veröffentlichung des Films, gibt es kaum noch ernsthafte Zweifel daran, dass der seit Beginn der Industriellen Revolution massiv angestiegene Ausstoß von Treibhausgasen dafür verantwortlich ist, dass sich die Erde sukzessive überhitzt. Und auch in der öffentlichen Debatte hat sich das Problem mittlerweile mit ungeheurer Wucht manifestiert: Klimaschutz ist zu einem der zentralen globalen Themen geworden.

- © WZ-Collage (Getty/CSA/Robotok/Youst)
© WZ-Collage (Getty/CSA/Robotok/Youst)

Doch der Einsicht, dass dringend gehandelt werden muss, sind bisher nur bedingt Taten gefolgt. Selbst in Europa, wo man sich gerne als Vorreiter der Klimaschutzbewegung sieht, ist laut einer Studie der European Climate Foundation kein einziger Staat bei der Erreichung der Energie- und Klimaziele für 2030 auf Kurs. Und nach wie vor tun sich die allermeisten Politiker sehr schwer damit, ihren Wählern reinen Wein einzuschenken. Denn auch beim Klimaschutz gibt es eine ganze Reihe unbequemer Wahrheiten. So wird der Kampf gegen die Erderwärmung nicht nur enorm viel Geld kosten, es werden auch viele unpopuläre Entscheidungen getroffen werden müssen, wie die folgende Übersicht zeigt.

Ohne Atomkraft wird es mancherorts nicht gehen

Nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 entschieden sich viele Länder - etwa Deutschland - für den Atomausstieg. Frankreich, Großbritannien, aber auch die zentral- und osteuropäischen Staaten wie Polen, Bulgarien oder Ungarn treten indes vehement für die Subventionierung von Atomenergie ein. Denn diese ist zwar heftig umstritten - für hochradioaktiven Müll gibt es weltweit noch kein einziges Endlager -, in Frankreich hat sie aber zum Beispiel einen Anteil von mehr als 70 Prozent an der gesamten Stromproduktion des Landes. Und laut der Internationalen Energieagentur (IEA) ist die Atomenergie mit einem Anteil von zehn Prozent an der weltweiten Stromversorgung aktuell die zweitwichtigste emissionsarme Energiequelle, nach Wasser mit 16 Prozent. Für entwickelte Ökonomien wie die USA, Kanada, Japan oder die EU ist Atomenergie laut IEA sogar die wichtigste nicht fossile Stromquelle.

Angesichts des Klimawandels und des erklärten Ziels, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, dürfte die Rolle der Atomenergie daher kaum geringer werden. Denn ohne Kernkraftwerke werden viele Länder die Energiewende vermutlich nicht schaffen. Die einzelnen Staaten stehen vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen im Bestreben, ihre Treibhausgase zu drosseln, weil deren Energiemix unterschiedlich ist. Spinnt man den Gedanken der Elektromobilität weiter, wird der Strombedarf zudem stark steigen. Und nicht jedes Land kann wie Österreich auf seine Wasserkraft bauen. Setzt man auf Alternativen wie Wind- oder Solarenergie, ist deren Ausbau und die Errichtung der entsprechenden Infrastruktur teuer und nicht überall möglich. Wind und Sonne erzeugen außerdem nicht rund um die Uhr Energie. Werden die Lücken durch Kohlekraftwerke gefüllt, ist das kontraproduktiv und innerhalb der EU ab 2025, wenn keine Förderungen mehr an Kohlekraftwerke vergeben werden dürfen, ohnehin so gut wie unmöglich.

Die Kreislaufwirtschaft ist eine Herausforderung

Um klimaneutral zu werden, reicht es nicht, nur die fossilen Energiequellen durch andere zu ersetzen. Der globale Energiebedarf muss sich grundsätzlich reduzieren. Und das wird vor allem in den reichen Industriestaaten das Leben der Menschen verändern. Der Konsum muss nachhaltiger, die Nutzungsdauer der Produkte langlebiger und der Abfall deutlich reduziert werden. Doch was bedeutet das für unser auf immer mehr ausgerichtetes Wirtschaftssystem? Ist die Zeit des Wirtschaftswachstums am Ende? "Das würde ich so nicht sagen", erklärt Sigrid Stagl, Leiterin des Instituts für ökologische Ökonomie an der WU Wien.

Klar ist, dass es eine große Umstellung bedeutet. Dennoch kann weniger auch mehr sein, was die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung anbelangt. Erstens sind Produkte, die länger halten und/oder wiederverwendet werden können, teurer, sie wirken also zunächst positiv aufs Wirtschaftswachstum. Und auch wenn das langfristig vielleicht nicht so sein mag: Es entstehen neue Felder und neue Jobs, wenn Waschmaschinen, Hemden, Schuhe und Reindl wieder repariert und geflickt werden.

Es ist auch nicht so, dass die Menschen mit einer derartigen Kreislaufwirtschaft noch nie gelebt hätten. Im Gegenteil, der Großteil lebt nach wie vor so, nur in den Industriestaaten ist es eher zur Ausnahme geworden. Dafür muss allerdings die Politik steuernd eingreifen. "Waschmaschinen könnten zum Beispiel offen produziert werden müssen, damit sie von allen repariert werden können, nicht nur vom Hersteller", sagt Stagl.

Ob das Neue, das dadurch entsteht, den Verlust des Alten aufwiegen kann und das Wirtschaftswachstum langfristig gesichert werden kann, lässt sich heute nicht prognostizieren. Gut möglich auch, dass die Verluste eher außerhalb Europas liegen, dort wo heute mit wenig Nachhaltigkeit produziert wird: billige Kleidung, Elektrogeräte, Metallwaren und so weiter. "Klimapolitik ist auch Handelspolitik", sagt Stagl. Die europäische Industrie könnte daher wieder wettbewerbsfähig werden. Wenn sich der Umstieg auf eine Kreislaufwirtschaft aber tatsächlich negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt, muss das auch noch keine Tragödie sein. Eine Herausforderung ist es allemal. "Weil unsere sozialen Systeme nur unter der Bedingung des Wirtschaftswachstums funktionieren", sagt Ökonomin Stagl. Pensionen, Bildung, Arbeitsmarkt - das alles verlangt nach dem "immer Mehr". "Und ein Umstieg ist alles andere als trivial."

Ohne Gentechnik wird es schwierig werden

Mehr als 7,7 Milliarden Menschen leben derzeit auf der Erde - und es werden stetig mehr. Der UN-Bevölkerungsprojektion 2019 zufolge könnten es bis Ende des Jahrhunderts bereits fast elf Milliarden sein. Elf Milliarden Menschen, die essen müssen, um zu überleben - insgesamt um einiges mehr als heute. Doch die Nahrungsmittelproduktion braucht Platz.

Das alles könne nur dann funktionieren, wenn man die Erträge auf den bestehenden landwirtschaftlichen Nutzflächen in den kommenden Jahrzehnten um eine Größenordnung von 50 Prozent steigert, sagt Joachim von Braun, Professor für wirtschaftlichen und technologischen Wandel an der Universität Bonn. Und zwar mithilfe von Pflanzenzüchtung, auch unter Verwendung neuer Technologien wie Gentechnik. Denn wenn sämtliche Weiden und Wälder zu Äckern werden und damit wichtige CO2-Speicher wegfallen, steigt die Klimagas-Konzentration nur noch weiter an.

Und selbst dann wäre die Fläche laut von Braun immer noch zu wenig. Ein wesentlicher Mosaikstein für die globale CO2-Reduktion braucht nämlich ebenfalls enorm viel Platz: die Biomasseproduktion im Sinne der Bioökonomie. Bei der Bioökonomie geht man davon aus, dass alle fossilen durch nachwachsende Rohstoffe wie etwa Mais ersetzt werden, damit die Wirtschaft wachsen kann, ohne die Umwelt zu belasten. Ohne Technologien wie etwa Gentechnik, die die Pflanzen zum Beispiel rasch und effizient widerstandsfähiger gegen Schädlinge machen, könnte die Biomasseproduktion in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion treten. Schon jetzt ist das Phänomen des Land Grabbings ein massives Problem: Wirtschaft und Politik eignen sich in Entwicklungs- oder Schwellenländern Land an, um dort anzubauen.

Fliegen wird noch lange klimaschädlich sein

Viele Jahrzehnte lang kannte die Luftfahrbranche keine Imageprobleme. Das Flugzeug brachte nicht nur Geschäftsreisende schnell und einfach ans Ziel, sondern öffnete auch für viele Normalbürger das Tor zur Welt. Für europäische Touristen war auf einmal nicht mehr die italienische Adria das Ende des persönlichen Erfahrungshorizontes, sondern Länder wie Kambodscha, Australien oder Chile.

Doch mit der Klimaschutzdebatte hat das Fliegen seine Unschuld verloren. Denn mit einem im Vergleich zur Bahn um bis zu sieben Mal höheren C02-Ausstoß pro Personenkilometer ist das Flugzeug mit Abstand das klimaschädlichste Verkehrsmittel. Und so schnell dürfte sich daran auch nichts ändern. Anders als im Verkehr auf der Straße oder bei der Energiegewinnung steht bei Flugzeugen nämlich mittelfristig keine technische Alternative zu den derzeit eingesetzten Verbrennungsmotoren zur Verfügung. So bringt der enorme Energiebedarf von Flugzeugtriebwerken batterieelektrische Lösungen schnell an ihre Grenzen. "Für 150 bis 270 Passagiere ist das mit den heutigen Batterietechniken nicht machbar", sagt Lars Wagner, Technikvorstand beim Münchner Triebwerksbauer MTU. Die Akkus wären einfach viel zu schwer.