Wolfsburg. (leg) Kosenamen sind nicht immer nett. "Burli" zum Beispiel. In dem Ausdruck, mit dem der traditionsreiche altösterreichische Piëch-Porsche-Clan einst den kleinen Ferdinand bedacht hat, klingen Spott und Herablassung durch. Dass ausgerechnet "Burli" es dereinst zum genialen Ingenieur, ja zum bewunderten "Jahrhundert-Manager" bringen würde, dass es der unterschätzte Drittgeborene sein sollte, der den angeschlagenen Volkswagen-Konzern zum Weltkonzern auf Augenhöhe mit Toyota und General Motors führen sollte, schien damals noch in weiter Ferne.

In seiner Kindheit, vor seinem Aufstieg zum harten, unnahbaren Manager, galt der kürzlich - nach einem Zusammenbruch in einem Restaurant in Bayern - in einer Rosenheimer Klinik verstorbene, 1937 in Wien geborene Ferdinand Piëch nämlich nicht gerade als Vorzeigesohn. Sein Lehrer hielt den Legastheniker zum Studieren für zu dumm. Auch die spätere Technikbegeisterung war noch nicht erkennbar: Bei seiner ersten Probefahrt blieb der junge Ferdinand mit der Stoßstange an der Garagentür hängen. Kein Wunder, dass "Burli" kaum jemals rechts von Mutter Luise, der Tochter des VW-Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, Platz nehmen durfte. Das durfte nämlich nur das Kind, das außergewöhnliche Leistungen erbracht hat. Und "Burlis" Leistungen waren da zu wenig.

Piëch erfindet Audi neu

Also schickte man den Filius ins schweizerische Engadin in ein Internat. Die Jahre dort, die Piëch später als finstere Zeit der Abhärtung beschrieb, prägte den jungen Mann. In seiner Autobiographie schrieb er, dass er in dem Internat erkannt habe, dass "vieles nur im Alleingang möglich ist", weil man sich nicht auf andere verlassen könne.

Dafür auf sich selbst - und auf sein Können. Piëch entwickelt sich zum Technikfreak, studiert Maschinenbau, wird Diplom-Ingenieur und steigt bei Porsche ein. Er entwirft einen Rennwagen, der das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewinnt. Porsches Verkaufszahlen gehen in die Höhe, der lange Zurückgesetzte will Porsche-Chef werden.

Doch die Familie Porsche will keinen "Nicht-Namensträger" an der Spitze. Piëch schmeißt hin - und geht 1972 zu Audi. Die ziemlich unscheinbare Marke mausert sich unter ihm als technischem Entwickler und Vorstandsvorsitzenden zum innovativen Konkurrenten von BMW und Mercedes.

1993 wagt Piëch den nächsten Schritt und geht nach Wolfsburg. Er wird Vorstandsvorsitzender des VW-Konzerns. Der schreibt gerade Milliardenverluste. Piëch rührt um, feuert Manager, führt die Viertagewoche ohne Lohnausgleich ein, drückt die Kosten, setzt aber auch vor allem auf Qualität. Der Lohn: VW kommt wieder in die Gewinnzone, wird zum Weltkonzern, zum Autoimperium, das vom Ducati-Motorrad bis zum Schwerlaster alles anbietet, was auf Straßen rollen kann. Eine besondere Genugtuung dürfte für Piëch dabei die Übernahme von Porsche durch VW gewesen sein.

Die Methoden, die Piëch in seinem Konzern anwandte, sind umstritten. Der Österreicher führte den VW-Konzern zentralistisch, patriarchalisch und mit eiserner Hand - bis 2002 als Vorstandsvorsitzender, danach, bis 2015, als Aufsichtsratschef. Er war eher gefürchtet als geliebt. Nach Ansicht von Kritikern entstand durch den Piëch’schen Führungsstil, den auch Kurzzeit-Nachfolger Martin Winterkorn pflegte, ein System der Angst, in dem Ingenieure lieber manipulierten als zugaben, dass Grenzwerte nicht eingehalten werden konnten. Der Dieselskandal von 2015 gehört nach ihrer Ansicht zum Erbe Piëchs.

Rückzug nach Salzburg

2015 verschätzte sich der gewiefte Taktiker Piëch: Im Machtkampf mit seinem Konkurrenten Winterkorn zog er den Kürzeren. Piëch zog sich daraufhin nach Salzburg zurück und führte ein zurückgezogenes Leben. In diesem soll er weniger der gefürchtete, sondern vor allem auch der liebende Patriarch gewesen sein.