Frankfurt. Dass bei der International Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt diesmal alles anders ist, zeigt sich schon bei der wohl wichtigsten Präsentation im Vorfeld der am Donnerstag beginnenden Veranstaltung. Denn unmittelbar bevor Herbert Diess mit dem ID.3 jenes Auto enthüllt, das für Volkswagen einen ähnlichen Stellenwert wie einst der Käfer und der Golf bekommen soll, stellt sich der Konzernchef noch der Diskussion mit der Autokritikerin Tina Velo. Velo ist eine jener zahlreichen Klimaschutzaktivisten, die der Autobranche bei der IAA mit Großdemonstrationen, Rad-Sternfahrten und Blockaden vor den Messetoren gehörig auf die Füße treten wollen.

Bei der kontrovers geführten Debatte mit Velo ist Diess trotz des immer noch über dem Konzern schwebenden Dieselskandals allerdings in einer vergleichsweise komfortablen Position. Denn beim Messeauftritt des weltgrößten Autobauers stehen eben nicht jene von den Umweltschützern als "Klima-Killer" und "Kleinpanzer" gebrandmarkten SUVs im Mittelpunkt, sondern die geplante Elektrooffensive des Konzerns, angeführt vom ID.3. "Kein anderer Hersteller ist so konsequent wie wir", sagt Diess mit Blick auf die 70 vollelektrischen Modelle, die der Konzern bis zum Jahr 2028 auf den Markt bringen will.

Investitionen von 30 Milliarden

Ob Volkswagen tatsächlich zum Weltmarktführer aufsteigt und es so wie geplant schafft, in den nächsten zehn Jahren 22 Millionen Elektroautos zu verkaufen, wird aber vor allem davon abhängen, wie sich der ID.3 bewährt. Denn wenn der große Hoffnungsträger die hochgesteckten Erwartungen nicht gleich von Beginn an erfüllt, dürfte es für Volkswagen deutlich schwieriger werden, die Nachfolger-Modelle, die ebenfalls auf dem neuen Modularen Elektrobaukasten (MEB) aufsetzen, am Markt zu positionieren. Diess spricht daher auch von einem entscheidenden Moment für das 600.000-Mitarbeiter-Unternehmen, das bis 2023 mehr als 30 Milliarden Euro in die Elektromobilität investieren will. "Der ID.3 ist mehr als nur ein neues Modell", sagt der Konzernchef.

Rein formal gesehen spricht allerdings vieles dafür, dass auch der Elektro-Vorreiter des Konzerns zu einem Erfolg wird. So bespielt Volkswagen mit dem ID.3 eine Fahrzeugklasse, in der der Konzern in vielen Ländern mit dem Golf schon aktuell Marktführer ist. Und auch bei der Langstreckentauglichkeit ist der "Volks-Stromer", der ein ähnliches Raumgefühl wie das VW-Mittelklassemodell Passat bieten soll, mehr als konkurrenzfähig. So liegt die Reichweite je nach gewählter Akku-Variante zwischen 330 und 550 Kilometern und innerhalb von knapp 30 Minuten soll die Batterie wieder so weit aufgeladen sein, dass weitere 290 Kilometer zurückgelegt werden können.

Mehr Roboter, weniger Arbeiter

Das wichtigste Argument für den bis zu 204 PS starken ID.3 dürfte aber der Preis sein, der für die Basisversion bei weniger als 30.000 Euro liegen soll. Damit kostet Volkswagens Elektro-Modell für die breite Masse zwar deutlich mehr als der aktuelle Golf, für den man mit einem 115-PS-Dieselmotor im Augenblick knapp 22.000 Euro bezahlen muss. Verglichen mit dem Model 3, also jenem Auto, mit dem der kalifornische E-Auto-Pionier Tesla in den Massenmarkt vorstoßen will, ist der ID.3 aber um mehr als 15.000 Euro günstiger.

Produziert wird der ID. 3, für den seit Anfang Mai schon 30.000 Reservierungen eingegangen sind, ab Ende November im Werk im ostdeutschen Zwickau. Die Fabrik, in die Volkswagen insgesamt 1,2 Milliarden Euro investieren will, wird schon seit Anfang 2018 auf die Produktion von E-Modellen umgebaut. Im Sommer kommenden Jahres, wenn die ersten Fahrzeuge an die Kunden ausgeliefert werden, soll dann auch eine zweite Montagelinie fertiggestellt sein.

Im Zwickauer Werk, in dem künftig nur noch Elektroautos gebaut werden sollen, wird allerdings vieles automatisch ablaufen. So werden viele Teile wie das Cockpit, die früher von Hand eingebaut wurden, künftig von den mehr als 1500 Robotern im Werk montiert. Allein in der Montage wird der Automatisierungsgrad dadurch von 12 auf knapp 30 Prozent steigen. An der 60 mal 100 Meter großen Fertigungsstraße werden damit statt 25 Mitarbeitern nur noch neun pro Schicht stehen.

Im Gegensatz zu anderen VW-Werken, wo durch die Umstellung auf die E-Mobilität mehrere tausend Arbeitsplätze wegfallen werden, soll in Zwickau laut Personalchef Dirk Coeurs aber keiner seinen Job verlieren. So will Volkswagen, um die Veränderungen durch die Automatisierung aufzufangen, mehr Autos auf die Straße bringen. Statt bisher jährlich 300.000 Fahrzeugen sollen in Zwickau künftig 330.000 und damit jeden Tag 1500 Autos vom Band rollen.