Berlin. In Deutschland steckt die Industrie tief in einer Auftragsflaute, und das macht eine Rezession dort immer wahrscheinlicher. Im August schrumpfte das Neugeschäft um 0,6 Prozent zum Vormonat, wie das deutsche Wirtschaftsministerium am Montag mitteilte. Ökonomen hatten lediglich mit einem Rückgang um 0,3 Prozent gerechnet.

Es war der zweite Rückgang in Folge und die mittlerweile fünfte Abschwächung im laufenden Jahr. Im Juli hatte es einen Einbruch um 2,1 Prozent gegeben. Einen deutlichen Rückgang beim Auftragseingang gab es aber im Jahresvergleich. In dieser Betrachtung sanken die Industrieaufträge im August um 6,7 Prozent und damit stärker als erwartet.

"Die deutsche Industrie muss sich auf schwere Zeiten einstellen", so Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank in Liechtenstein. Ökonom Marco Wagner von der Commerzbank sieht den Abwärtstrend der Industrie durch die aktuellen Auftragszahlen bestätigt. "Dabei dürfte die August-Zahl die tatsächliche Situation sogar noch zu freundlich darstellen. Denn wegen der frühen Lage der Sommerferien hatte der August mehr Arbeitstage als im Durchschnitt der letzten Jahre."

Für das dritte Quartal zeichne sich eine technische Rezession ab. Davon sprechen Volkswirte, wenn die Wirtschaft zwei Quartale in Folge schrumpft. Auch zum Jahresende hin sei wohl kaum mit einer nennenswerten Beschleunigung der Wirtschaftsleistung zu rechnen, prophezeit der Commerzbank-Ökonom. Die Schwelle zu einer echten Rezession sinke beständig, so Konjunkturexperte Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute hatten jüngst prognostiziert, dass die hiesige Wirtschaft an einer Rezession vorbeischrammen werde.

Privater Konsum stützt Konjunktur

Trotz der sich abkühlenden Konjunktur sind die Verbraucher in Deutschland weiterhin in Kauflaune. Wie der Handelsverband Deutschland (HDE) am Montag mitteilte, bleibt das Konsumbarometer auch im Oktober auf dem leicht positiven Niveau der vergangenen Monate. "Der private Konsum dürfte somit in den kommenden Monaten die Stütze der schwächelnden gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bleiben", erklärte der Verband.

Das HDE-Konsumbarometer basiert auf einer Umfrage unter 2000 Deutschen zu ihrer Anschaffungsneigung, Sparneigung und ihrer finanziellen Situation. Es bildet die erwartete Stimmung der kommenden drei Monaten ab.

Demnach erreichen die Konjunkturerwartungen der Verbraucher zwar zum dritten Mal in Folge einen Tiefststand und spiegeln damit die derzeit schwierige Lage der Industrie wider. Einen signifikanten Einfluss auf die persönliche Situation sehen die Befragten aber weiterhin nicht. So geht die persönliche Einkommenserwartung genauso wie die Anschaffungsneigung zwar leicht zurück, bleibt aber im langfristigen Trend stabil.

"Die Verbraucher lassen sich in ihrer Kauflust kaum von Rezessionsängsten beeinflussen", erklärte der HDE. Gründe dafür seien auch die gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt sowie die starken Lohn- und Rentensteigerungen in den vergangenen Jahren. Das steigende verfügbare Einkommen treffe zudem auf eine seit Jahren schwache Inflationsrate, was die Kaufkraft der Haushalte weiter erhöhe.

Exportverband: Harter Brexit hätte "katastrophale Folgen"

Unterdessen warnen Deutschlands Exporteure die Regierung in Berlin und die EU vor einem harten Brexit Ende Oktober. "Ein ungeregelter Austritt der Briten aus der EU ist wahrscheinlicher denn je", sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Dienstleistungen, Außenhandel (BGA), Holger Bingmann, der "Rheinischen Post".

"Ein harter Brexit aber hätte katastrophale Folgen für den deutschen Außenhandel." Werde Großbritannien zum Drittstaat, drohe immenser Mehraufwand im Bereich Zoll und bei der Bewältigung von Bürokratie in den Bereichen Logistik, Transport, Datenschutz und Steuern, so Bingmann. Das sei nur schwer oder mit hohem Kosten- und Zeitaufwand zu bewältigen.

Der Brexit werfe schon längst seinen Schatten voraus. "Allein im ersten Halbjahr hat sich auf das Jahr hochgerechnet das deutsche Exportgeschäft mit Großbritannien in Höhe von über 3,5 Milliarden Euro in Luft aufgelöst", sagte Bingmann. (ag./kle)