In den vergangenen Wochen hat sich das anhaltende Drama rund um den Brexit noch einmal deutlich verschärft. Dies hat nicht nur an den Aktienbörsen, sondern auch beim Pfund für viel Bewegung gesorgt. Zuletzt war es bei der britischen Währung wieder klar bergauf gegangen, vor allem nachdem sich eine Einigung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union abzeichnete.

Dass die für das vergangene Wochenende geplante Abstimmung im britischen Unterhaus über den Deal verschoben wurde und die Unsicherheit damit weiterhin kein Ende nimmt, hatte jedoch kaum mehr Auswirkungen auf das Pfund. Denn Beruhigung bringt derzeit das Faktum, dass ein ungeordneter Austritt der Briten aus der EU, ein "No-Deal-Brexit", sehr viel weniger wahrscheinlich geworden ist, nachdem Anfang September ein Gesetz gegen einen No-Deal-Brexit in Kraft getreten ist.

Derzeit finde eine "Rückpositionierung der Anleger" beim britischen Pfund statt, sagte RBI-Chefökonom Peter Brezinschek am Dienstag zur APA. Bis die Währung wieder zu ihrer alten Form zurückfindet, dürfte es aber noch ein paar Jahre - möglicherweise bis 2021 - dauern. "Ich gehe davon aus, dass das Pfund in den nächsten Jahren eine eher schwächere Währung bleiben wird," so Brezinschek. Knapp vor dem Brexit-Referendum im Juni 2016 hatte das britische Pfund noch über 1,30 Euro notiert.

Seit Jahresbeginn hat das Pfund eine Berg- und Talfahrt hinter sich. Nach einem Jahresstart bei rund 1,10 Euro erreichte es im Frühling bei über 1,18 Euro sein bisheriges Jahreshoch. Den Tiefpunkt des Jahres markierte das Pfund dann im August bei 1,0641 Euro. Aktuell, also nur zwei Monate später, steht es jedoch bereits wieder deutlich höher bei rund 1,16 Euro.

Dass es noch heuer zu einer endgültigen Lösung zwischen Großbritannien und der EU kommt, ist laut Brezinschek eher unwahrscheinlich. Er hält einen erneuten Aufschub des Austrittsdatums durchaus für möglich, eventuell sogar bis März 2020, bis ein endgültiger Vertrag ausgehandelt ist.

Chronologie der Ereignisse im britischen Unterhaus seit Anfang September:

3. September: Die Gegner eines ungeordneten EU-Austritts fügen Premierminister Boris Johnson eine empfindliche Niederlage zu. Die Abgeordneten stimmen mehrheitlich für einen Beschluss, der den Weg für ein Gesetz gegen einen No-Deal-Brexit ebnet.

4. September: Johnson schlägt vorgezogene Neuwahlen für den 15. Oktober vor, sein Antrag scheitert im Parlament. Das britische Parlament stimmt für die Verschiebung des Brexit bis zum 31. Jänner 2020, falls es vorher keinen Ausstiegsvertrag gibt. Damit stellt es sich gegen Premierminister Boris Johnson, der Großbritannien spätestens bis zum 31. Oktober aus der EU führen will und dafür auch einen Brexit ohne Vertrag in Kauf nehmen würde.

6. September: Ein Londoner Gericht weist eine Klage gegen die fünfwöchige Zwangspause des britischen Parlaments ab. Die Kläger sehen in der bis zu fünf Wochen langen Sitzungsunterbrechung ein unzulässiges politisches Manöver von Johnson, um seinen Brexit-Kurs durchzudrücken. Das Gesetz gegen einen ungeregelten EU-Austritt Großbritanniens nimmt unterdessen die letzte parlamentarische Hürde.

9. September: Das britische Parlament wird in eine fünfwöchige Zwangspause geschickt. Das Gesetz gegen einen "No Deal"-Brexit tritt ebenfalls in Kraft.

10. September: Boris Johnson will trotz des neuen Gesetzes zur Verhinderung eines No-Deal-Brexit keine Fristverlängerung für den EU-Austritt seines Landes beantragen. Das britische Unterhaus spricht sich mehrheitlich gegen vorgezogene Wahlen aus. Die Abgeordneten lehnen auch den zweiten Vorstoß von Premierminister Boris Johnson für eine baldige Neuwahl ab.

11. September: Ein schottisches Berufungsgericht erklärt die von Premierminister Boris Johnson auferlegte Zwangspause des britischen Parlaments für unrechtmäßig.

18. September: Das EU-Parlament stimmt in einer nicht verbindlichen Entschließung für einen weiteren Brexit-Aufschub, etwa um einen "harten Brexit" ohne Abkommen zu verhindern oder ein zweites Referendum zu ermöglichen.

19. September: Die britische Regierung unterbreitet der EU schriftliche Vorschläge zur Änderung des Brexit-Austrittsabkommens.

24. September: Das Oberste Gericht Großbritanniens erklärt die Verlängerung der Unterhaus-Pause durch Johnson für unrechtmäßig. Das britische Parlament kommt daraufhin wieder zusammen. Johnson fordert Neuwahlen.

2. Oktober: Johnson erklärt beim Parteitag der Konservativen in Manchester, Großbritannien werde zum 31. Oktober aus der EU austreten, "komme, was wolle".

3. Oktober: Das EU-Parlament hält die Änderungsvorschläge der britischen Regierung für unzureichend.

4. Oktober: Entgegen seinen öffentlichen Ankündigungen ist der britische Premierminister Boris Johnson doch zu einem Antrag auf eine Verschiebung des Brexit bereit. Dies geht aus offiziellen Dokumenten hervor, die die Regierung in London dem schottischen Höchstgericht übermittelt hat.

8. Oktober: EU-Ratspräsident Donald Tusk attackiert Johnson öffentlich auf Twitter: Er wirft dem britischen Premier ein "dummes Schwarzes-Peter-Spiel" vor.

10. Oktober: Johnson und der irische Regierungschefs Leo Varadkar erklären nach einem Treffen, es gebe einen Weg zu einem möglichen Brexit-Deal.

11. Oktober: Die EU und Großbritannien starten eine neue Verhandlungsrunde. Die EU-Staaten geben grünes Licht für intensive Gespräche über ein Brexit-Abkommen mit Großbritannien.

15. Oktober: Der EU-Chefverhandler, Michel Barnier, hält eine Einigung bis zum EU-Gipfel am 17./18. Oktober für möglich.

17. Oktober: Die Unterhändler der EU und Großbritanniens einigen sich auf einen neuen Brexit-Vertrag. Dies bestätigten der britische Premierminister Johnson und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Die nordirische DUP erklärt, sie stimme dem Deal nicht zu. Die EU-Staats- und Regierungschefs billigen den Deal.

19. Oktober: Das britische Parlament billigt einem Antrag auf Aufschub des Votums über den Brexit-Vertrag. Johnson beantragt in Brüssel widerwillig eine weitere Verschiebung des Austrittsdatums bis Ende Jänner 2020, distanziert sich gleichzeitig aber davon.

21. Oktober: Der britische Parlamentspräsident John Bercow lässt keine Abstimmung über die mit der EU ausgehandelte Brexit-Vereinbarung zu. (apa)