Momentan zögern die britischen Unternehmen, sagt Papp. Die britische Regierung wird innerhalb zwei bis drei Monaten (die Compliance Episode dauert bis April 2020) mehr als insgesamt 100 Millionen Zertifikate ausgeben - in einem bereits überversorgten Markt. Doch Marktanalystin Papp ist vom System überzeugt - zumindest langfristig. Die letzte Reform sieht eine Verknappung der Zertifikate ab 2021 durch die Marktstabilitätsreserve vor. Dieser Faktor und die Spekulanten, die ebenfalls die Gunst der Stunde nutzen, um Zertifikate möglichst günstig zu kaufen, führen Papp zu der Annahme, dass die Brexit-Preisdelle im Emissionshandel relativ rasch bereinigt werden kann.

Ökonomin: Ziel der Emissionsreduktion verfehlt

Umweltökonomin Sigrid Stagl von der Wirtschaftsuniversität Wien ist da weniger optimistisch. "Die aktuellen 26 Euro pro Tonne CO2 liegen deutlich unter dem, was wir brauchen, um das Ziel der Emissionsreduktion zu erreichen. Wir haben zu viele Zertifikate am Markt, da zu Beginn zu viele ausgegeben wurden. Solche Fehler sind später schwer zu korrigieren", sagt Stagl. In der Theorie befindet die Ökonomin das System als ideales Instrument, weil ein Umweltziel mit möglichst geringen Kosten für die Wirtschaft erreicht werden kann. Aber in der Praxis wurde der volkswirtschaftlich optimale Weg verlassen, weil starkes Lobbying der Industrie und Ausnahmeregelungen der Politik das System verwässert haben. Die großen Anlagenbetreiber, die viel Schmutz verursachen, werden etwa vom System ausgenommen, sie erhalten Zertifikate weiter frei - laut Stagl ein politischer Preis, um den Widerstand gegen die Regulierung zu erweichen.

"Eigentlich brauchen wir Zertifikate nicht, denn Steuern können das liefern, was wir brauchen, aber die politische Qualität von Zertifikaten ist, dass sie nicht Steuern heißen", bemerkt Stagl. "Wir sind mit dem heutigen Preis weit von dem entfernt, was sich andere Länder selbst als Steuersätze auferlegt haben." Schweden ist hier mit 115 Euro pro Tonne Spitzenreiter in der EU wie unter den Mitgliedstaaten der OECD. Aber auch die Finnen, Franzosen, Norweger und Schweizer setzen auf eine Abgabe. In Irland beträgt die Abgabe pro Tonne 20,50 Euro, in Großbritannien 21,40 Euro - auch nach dem Brexit. Trotz immer wieder kurzfristiger Preisschwankungen erwartet die Umweltökonomin mit dem EU ETS langfristig eine eindeutige Preissteigerung. Bisher hat das System in der Praxis aber versagt. Und die Zeit läuft.