"Wiener Zeitung": Was sind Megatrends, Frau Papasabbas?

Lena Papasabbas: Das sind sehr große Veränderungen, die sich über Jahrzehnte entwickeln und alle Aspekte des Lebens verändern, wie zum Beispiel die Globalisierung. Es geht also gar nicht nur um die Zukunft oder nur um Konsum- oder Lifestyletrends. Megatrends betreffen die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Alltagskultur gleichermaßen. Danach sieht die Welt anders aus als vorher.

Welche Trends verändern unser Leben am dramatischsten?

Die Individualisierung ist ein Trend der seit Jahrzehnten wirkt und gerade seinen Höhepunkt erreicht. Für die Wirtschaft bleibt die Globalisierung am wichtigsten. Und alles, was mit Vernetzung und Digitalisierung zu tun hat. Sehr wichtige Megatrends sind der "Gender Shift" - also die Auflösung der Geschlechterrollen - und die "Neo-Ökologie", das neue Umweltbewusstsein.

Das klingt, als würde sich alles in eine Richtung bewegen. . .

Megatrends haben immer auch Gegenbewegungen. Der größte Gegentrend unserer Zeit ist die Achtsamkeit als Antwort auf die Digitalisierung. Wir sind ständig mit den Gedanken woanders, wenn wir uns im Virtuellen bewegen. Es entsteht ein Gefühl der Beschleunigung, des Drucks und der Überforderung. Wir brauchen diese Kulturtechnik der Achtsamkeit, die auch viel mit Individualisierung zu tun hat. Menschen verstehen sich als Projekt und wollen sich durch Achtsamkeit optimieren.

Manche kritisieren den Trend als "neues Biedermeier", bei dem sich Menschen zurückziehen, um zu meditieren und Yoga zu machen, politisch aber immer gleichgültiger werden . . .

Andererseits kann man sich erst um andere kümmern und sich engagieren, wenn es einem selber gut geht. Viele Achtsamkeit-Gurus betonen, dass es eben nicht nur um das Ego geht, sondern auch darum, für andere da zu sein. Aber der Trend ist noch zu neu, es gibt kaum Studien zu den Folgen.

Vor einigen Jahren hat Matthias Horx, der Gründer ihres Zukunftsinstituts, noch vom "Megatrend Frauen" gesprochen. Warum sprechen Sie jetzt vom "Megatrend Gender Shift"?

Es war wohl eine typisch männliche Sicht, dass die neuen Rollen nur Frauen betreffen. In Wahrheit wirkt sich der Trend auf alle Geschlechterrollen und Identitäten aus. Es ist unmöglich, dass sich die Rolle der Frau in einer Gesellschaft verändert und die des Mannes unverändert bleibt.

Worum geht es dabei?

Westliche Gesellschaften waren sehr von der binären Aufteilung zwischen den Geschlechtern bestimmt. Ob man eine Frau oder ein Mann war, hat die ganze Biografie beeinflusst: welchen Beruf man ergreift, welche Produkte man kauft, welche Frisur man trägt. Früher war Krankenschwester ein weiblicher Beruf, Informatiker war ein männlicher Beruf. Das ist vorbei. Männer tragen heute auch Make-up, Frauen können programmieren. Natürlich sind die alten Geschlechterrollen noch mächtig, aber sie werden weniger relevant. Es gibt zum Beispiel Umfragen unter jungen Menschen, die zeigen, dass sich immer mehr nicht mehr als klar hetero- oder homosexuell festlegen wollen.