Einer der Ansätze für nachhaltige Mobilität der AustriaTech heißt "Deconstructing Regional Mobility". Warum möchten Sie die ländliche Mobilität erst zerpflücken?

Martin Russ: Das müssen wir! Das grundlegende Problem alternativer regionaler Mobilitätslösungen ist nämlich genau das Fehlen der adäquaten Tools, Methoden, Prozesse und Vorgehensweisen. Jede Bürgermeisterin und jeder Bürgermeister weiß, was zu tun ist, wenn eine neue Umfahrungsstraße gebaut werden soll. Umfassende intelligente Transportsysteme kann man aber nicht einfach bestellen. Wir sehen, dass die Gemeinden umdenken und neue, kleinteiligere Mobilitätslösungen nachfragen. Das Problem, mit dem sie dann kämpfen, ist die Integration. Die wunderbaren integrierten Mobilitätsdienste sind meistens für den städtischen Raum konzipiert. Mit "Deconstructing Regional Mobility" wollen wir angefangen von der Bedarfserhebung über die Kommunikation mit den Nutzerinnen und Nutzern bis zu den Betreibern und den Finanzierungsformen Planungsmöglichkeiten schaffen, damit man wirklich neue Dienste in die Gemeinden holt und nicht nur neue Infrastruktur.

"Wenn wir wirklich nachhaltig sein wollen, müssen wir uns Konzepte überlegen, damit nicht jeder Haushalt drei Autos braucht", sagt Martin Russ, Geschäftsführer AustriaTech. - © Stephan Huger
"Wenn wir wirklich nachhaltig sein wollen, müssen wir uns Konzepte überlegen, damit nicht jeder Haushalt drei Autos braucht", sagt Martin Russ, Geschäftsführer AustriaTech. - © Stephan Huger

Heißt dies umgekehrt, dass Mobilität im ländlichen Raum nicht besonders nachhaltig ist?

Ja, nachhaltige Mobilität im ländlichen Raum ist eine echte Challenge. Fast zwei Drittel der PKW-Transportleistung entsteht auf dem Land. Das heißt, der ländliche Raum ist in Wahrheit unser großes Problem im individuellen Verkehr, nicht die Städte. Das ist das Thema, das wir auch nach Singapur auf die ITS World im Oktober getragen haben. Dort geht es meist um die Stadt, weil viele Geschäftsmodelle nur in den "Smart Cities" funktionieren. Das wollen wir ändern. Wenn wir wirklich nachhaltig sein wollen, müssen wir uns Konzepte überlegen, damit nicht jeder Haushalt drei Autos braucht. Nicht nur die Umwelt zahlt dabei drauf, auch die Mobilitätskosten sind viel zu hoch.

Städte sind für private Anbieter attraktive Märkte. Könnte das Land das auch sein?

Der ländliche Raum braucht andere Finanzierungs- und Organisationskonzepte, aber tatsächlich nicht nur auf Basis der öffentlichen Hand. Wenn es Mobilitätsunternehmen gelingt, die Lebensgewohnheiten in die Geschäftsmodelle einzubeziehen, haben sie auch auf dem Land eine echte Perspektive. Das zeigen nicht zuletzt die drei Unternehmen, die bei der ITS-Challenge erfolgreich waren. Wir möchten aber jedenfalls erreichen, dass die Lösungen von kleinen und mittleren Unternehmen aus der Region kommen und regional umgesetzt werden. Im Idealfall können sie als Services auch international exportiert werden.