Trotzdem: Auch Shraibman sieht die wirtschaftliche Öffnung, die sich im immer noch sowjetisch geprägten Weißrussland derzeit vollzieht, positiv. "Obwohl die Wirtschaft im Land immer noch ziemlich reguliert ist. Einer unserer Schriftsteller hat einmal scherzhaft gesagt, wir bauen Seoul inmitten von Pjöngjang", sagt der junge Gründer des Minsker Thinktanks "Sense Analytics" lächelnd.

Wirtschaftsfragen werden auch beim Besuch Lukaschenkos diesen Dienstag in Wien bei seinem Amtskollegen Alexander Van der Bellen eine Rolle spielen. Es ist der erste Besuch des weißrussischen Staatschefs, der von der EU lange mit einem Einreiseverbot belegt war, in einem EU-Land seit der Beendigung der Sanktionen gegen Minsk 2016.

Das ist kein Zufall: Dass sich Österreich für ein Ende der Sanktionen eingesetzt hat, dass man sich in Wien für Investitionen in Weißrussland offen zeigt, wird von Lukaschenko geschätzt. Weißrussische Medien schreiben, dass Österreich "von allen EU-Staaten am loyalsten gegenüber unserem Land" sei. In der Tat ist Österreich der zweitgrößte Investor in der Republik Belarus, ist mit Unternehmen wie A1, der Strabag oder der Raiffeisenbank im Land vertreten. In der Wirtschaftskammer wird es ein Wirtschaftsforum geben, das dazu dient, Kontakte anzubahnen und zu vertiefen.

Menschenrechte ein Thema

Offiziell widmet man sich indessen anderen Themen. Etwa dem Erhalt des Gedenkortes Maly Trostinec bei Minsk, wohin rund 10.000 österreichische Juden während des Zweiten Weltkrieges verschleppt und anschließend getötet wurden. Außerdem, heißt es seitens der Präsidentschaftskanzlei, werde es auch einen kritischen Dialog um die "problematische Frage der Menschenrechte" in dem osteuropäischen Land geben. Das ist ein Thema, das bei Weißrussland immer anklingt: Lukaschenko, der als populistischer Außenseiter 1994 die Präsidentenwahl im zweiten Wahlgang mit über 80 Prozent der Stimmen für sich entschied, wurde von westlichen Medien lange Zeit mit dem wenig schmeichelnden Titel "letzter Diktator Europas" bedacht.

Einmal an der Macht, änderte er per Referendum die Verfassung, entmachtete das Parlament und sicherte sich autokratische Vollmachten. Ende der 1990er Jahre verschwanden in Belarus sogar potenzielle Konkurrenten und Regimegegner spurlos, sie sollen mit einer sogenannten Exekutionspistole hingerichtet worden sein - jener Pistole, mit der in Weißrussland bis heute die Todesstrafe per Genickschuss vollstreckt wird.

Dennoch halten sich die Lukaschenkos Schandtaten in den letzten Jahren in Grenzen. Gewiss, die - traditionell zerstrittene - Opposition erhält in den staatlich gelenkten Medien kaum Raum. Die Parlamentswahlen am kommenden Sonntag werden wohl so ausgehen wie immer: Gegner des Präsidenten wird es auch im neuen Parlament nur wenige geben. Und sollte sich ernsthafter Widerstand gegen die Staatsführung artikulieren, würde diese, wenn nötig, wohl nicht zögern, ihn im Keim zu ersticken.