Trotz all der Jubelmeldungen bleibt Belarus wirtschaftlich ein zwiespältiges Land. "Die Wirtschaft ist in Weißrussland immer noch in vielen Bereichen reguliert", erläutert Shraibman. Der Staat habe oft ein Monopol inne. Während private Firmen für Dienstleistungen Marktpreise entrichten müssten, zahlen staatliche Firmen weniger. Auch erhielten Letztere Subventionen. Tatsächlich klangen zumindest vor einigen Jahren noch die Klagen weißrussischer Kleinunternehmer über die Bürokratie gänzlich anders als die Berichte ausländischer Investoren heute.

"Aber man darf nicht vergessen: Der Anteil des Staates an der Wirtschaft geht zurück. In den letzten sieben Jahren ist die Zahl der Menschen, die in den staatlichen Unternehmen beschäftigt sind, um 25 Prozent gefallen", sagt Shraibman. Und ergänzt: "Weißrussland ist mittlerweile in Business-Rankings unter den besten 50 Ländern."

Allianz der Reformer möglich

Dobrinsky sieht in Belarus eine "organische Transformation" von einer staatlichen Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft. "Wenn ich das Land irgendwo einordnen würde, dann unter der Rubrik Staatskapitalismus", urteilt der Experte. "Es gibt jedenfalls keine zentrale Planung mehr. Und der florierende Dienstleistungssektor ist zu 100 Prozent privat."

Dass die wirtschaftlichen Freiheiten automatisch zu politischen Freiheiten führen, glauben Dobrinsky und Shraibman nicht. "In China und Russland ist das Mehr an wirtschaftlichen Freiheiten ja auch nicht unbedingt mit politischer Öffnung einhergegangen", führt Shraibman aus. Was aber sehr wohl passiere, ist, dass Geschäftsleute - wie eben die aus der vom Staat unabhängigen IT-Branche - im bis dato oligarchenfreien Belarus zu lobbyieren begännen. "Da geht es auch um so Dinge wie Liberalisierungen im Bildungsbereich", sagt Shreibman. "Je mehr private Firmen sich etablieren, desto eher haben diese Leute auch eine politische Stimme. Und die könnte durchaus gehört werden, denn im Staatsapparat sitzen auch relativ junge Pragmatiker, die marktorientiert sind. Eine zarte Allianz zwischen den beiden Kräften formiert sich bereits." Und das, so Shraibman, könne ein erstes Vorzeichen sein dafür, wie ein pluralistischeres Belarus aussehen könnte.