Die Leistung der deutschen Wirtschaft hat sich nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes  im dritten Quartal 2019 zum Vorquartal leicht um 0,1 Prozent erhöht - nach einem Minus von revidiert 0,2 Prozent im zweiten Quartal und 0,5 Prozent Wachstum zum Jahresauftakt.

"Damit steht fest: Wir haben keine Rezession, auch keine technische Rezession", sagte der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im ARD-"Morgenmagazin". "Aber: Die Wachstumszahlen sind noch zu schwach. Das heißt: Der Aufwärtstrend hat begonnen, aber es geht sehr langsam." Immerhin dürfte die Rückkehr zu einem leichten Wachstum lauter werdenden Forderungen nach einem staatlichen Konjunkturprogramm erst einmal den Boden entziehen.

Phase der Normalisierung

Nach einem ungewöhnlich langen Aufschwung seit der tiefen Rezession 2009 sei eine kurze Schwächeperiode "nicht notwendigerweise eine große Krise", kommentierte ING-Deutschland-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Die Gesamtwirtschaft befinde sich "in einer Phase der Normalisierung nach fünf Jahren mit überdurchschnittlich starkem Wachstum", erklärte Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland bei der Deutschen Bank.

Doch weil Europas größte Volkswirtschaft nur knapp an einer "technischen Rezession" - also zwei Quartalen mit sinkendem Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Folge - vorbeischrammte, sind die Sorgen vor einem Abschwung nach wie vor groß.

"Die heutigen Zahlen sind kein Grund zur Selbstzufriedenheit", warnte ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann. "Für Deutschlands Wohlergehen ist es unerheblich, ob das Quartalswachstum einen Hauch unter oder über der Nulllinie liegt. Sorgen muss vielmehr bereiten, dass die längerfristige Wachstumsperspektive Deutschlands absinkt."

Reihenweise waren die Prognosen für das Gesamtjahr 2019 in den vergangenen Monaten heruntergeschraubt worden, erwartet wird nun ein Wirtschaftswachstum von etwa 0,5 Prozent. 2018 hatte die deutsche Wirtschaftsleistung noch um 1,5 Prozent zugelegt.

Im Sommerquartal 2019 sorgte vor allem der private Konsum für Aufwind. Dagegen ist die Produktion in der Industrie tendenziell weiterhin rückläufig. Und Deutschlands Exporteure kämpfen, auch wenn die Ausfuhren im dritten Quartal zulegten. Von Jänner bis einschließlich September wurden nach jüngsten Zahlen der Wiesbadener Statistiker Waren "Made in Germany" im Wert von 997,1 Mrd. Euro ins Ausland verkauft - knapp ein Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Handelskonflikte belasten die Industrie

Eine nachhaltige Besserung der Gesamtlage sei nicht in Sicht, meint der Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Union Investment, Jörg Zeuner - "allenfalls eine weitere Stabilisierung". Zeuner erklärt: "Die Ursachen der Wachstumsschwäche - der Handelskrieg, der Brexit und die Krise der Automobilindustrie - werden uns auch 2020 in Atem halten."

Internationale Handelskonflikte und das Hin und Her um den angestrebten britischen Austritt aus der Europäischen Union belasten die exportorientierte deutsche Industrie. Die Verunsicherung bremst Investitionen. Schlüsselbranchen wie der Auto- und Maschinenbau sowie die Elektro- und Chemieindustrie bekommen das längst zu spüren.

Ein Ende des Brexit-Dramas und vor allem des "Strafzoll-Ping-Pongs" zwischen den USA und China, wie BGA-Präsident Holger Bingmann es im Oktober nannte, dürfte entscheidend dafür sein, wohin die Reise in den nächsten Monaten geht.

Der private Konsum erweist sich bisher als "verlässliche Stütze der binnenwirtschaftlichen Entwicklung", wie das deutsche Wirtschaftsministerium am Donnerstag feststellte. Ein Grund: Die niedrigen Arbeitslosenzahlen. Tendenziell steigende Tariflöhne dürften den Konsum weiterhin ankurbeln, niedrige Zinsen den Boom in der Bauwirtschaft verlängern.

Je länger jedoch die Konjunktur schwächelt, umso mehr belastet das auch die Stimmung der Verbraucher: Die Marktforscher der Nürnberger GfK ermittelten in ihrer monatlichen Konsumklimastudie für November den niedrigsten Wert seit Herbst 2016.

"In den kommenden Quartalen ist angesichts des verhaltenen Ausblicks für Welthandel und Automobilbranche sowie der anhaltenden erhöhten politischen Unsicherheit rund um Handel und Brexit bestenfalls mit einem Mini-Wachstum zu rechnen", prognostizieren die Volkswirte des Versicherers Allianz. (apa/dpa)