Zwangspausen, keine Toilettenpausen und prekäre Verträge: In manchen Branchen gewinnt man den Eindruck, die Digitalisierung hebelt hundert Jahre Kampf um Arbeitsrechte aus. Wie konnte das passieren?

Dafür haben drei Jahrzehnte marktliberales Denken den Boden bereitet. Digitalisierung scheint zu versprechen, dass jeder Einzelne emanzipiert und selbstbestimmt lebt und arbeitet. Diese Individualisierung steht in einem krassen Widerspruch zu der Tatsache, dass wir verwundbar sind, dass wir uns gemeinschaftlich für unsere Interessen einsetzen müssen, weil uns sonst die Kapitalseite gegeneinander ausspielen kann.

Wer steckt heute hinter dieser Kapitalseite, dem angeblich alles bestimmenden freien Markt?

Es sind zunehmend die Interessen großer Technologiekonzerne. Der Markt mit Angebot und Nachfrage alleine ist es schon lange nicht mehr, war es wohl auch nie. In digitalen Ökonomien sieht man sehr starke Netzwerkeffekte und eine Tendenz zur Monopolbildung, die die Politik auch sang- und klanglos hingenommen hat. Damit fällt das Argument weg, dass sich Firmen bemühen müssten, gute Arbeitnehmer zu finden - wenn es eben nur noch wenige Arbeitgeber gibt, die vielleicht auch noch untereinander die Arbeitsbedingungen absprechen. Für bestimmte hochqualifizierte Stellen gibt es nach wie vor sehr gute Bedingungen. Aber für die Masse der Bevölkerung ist die Entwicklung besorgniserregend.

Gerade, um systemerhaltende Arbeit mit weniger Qualifikation aufzuwerten, setzen Sie auf fairere Wertschätzung von Arbeit. Wie soll das funktionieren? Über einen Einheitslohn?

Geld spielt sicher eine wichtige Rolle. Aber meines Erachtens sollten die Lohnunterschiede wesentlich geringer sein. Zudem geht es um Anerkennung. Eine moderne arbeitsteilige Gesellschaft hängt von all den unterschiedlichen Tätigkeiten ab. Da sind nicht manche wertvoller, es braucht sie alle, damit die Gesellschaft funktioniert. Natürlich geht es da auch um Geld, auch um öffentliches Geld - etwa bei Gehältern im Öffentlichen Dienst. Aber es geht auch um ein bewusstes Konsumverhalten. Muss es immer das billigste Angebot sein? Wenn transparent wäre, ob eine Ware oder Dienstleistung unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt wird, könnten sowohl Politik als auch Konsumenten hier bewusst gegen prekäre Verhältnisse steuern. Da entstehen im Moment schon die ersten Labels. Hier könnte Digitalisierung durch mehr Information gute Dienste leisten. Wenn ich sicher sein kann, hier ist mein Geld in gute Arbeit investiert, dann wären viele Menschen sicher bereit, mehr Geld zu zahlen.

Inwieweit könnte die von Ihnen geforderte Demokratisierung von Wirtschaft hier helfen?

Die grundsätzliche Idee ist: Diejenigen, die Macht über andere haben im wirtschaftlichen System, sollten sich für diese Macht auch zur Verantwortung ziehen lassen müssen - etwa, indem sie gewählt werden. Wir akzeptieren das im politischen System ja auch, dass sich Führungspersönlichkeiten der Öffentlichkeit stellen müssen. Ohne Hierarchien wird es auch in der Wirtschaft nicht funktionieren, Arbeit lässt sich nicht nur in Netzwerken und Schwärmen organisieren. Aber diese Strukturen können demokratisch gebildet werden.