Birgt der gewählte Chef nicht die Gefahr populistischer Wahlversprechen oder Bestechungen? Ist der beste Chef für die Mitarbeiter auch der beste für das Unternehmen?

Leute würden das schnell durchschauen. Ihnen ist klar, dass eine Firma langfristig überleben muss, damit sie ihre Jobs behalten. Den Leuten geht es um bessere Arbeitsbedingungen, nicht um den Freibrief zum Faulenzen. Die Bedenken sind berechtigt, wir sehen die Schattenseiten ja auch in den aktuellen politischen demokratischen Systemen. Demokratie ist aber auch hier immer noch das am besten geeignete Instrumentarium, um Machtmissbrauch zu verhindern. Vielleicht würde sich in vielen Firmen kurzfristig nichts verändern. Doch gegen Chefs, die Arbeitsbedingungen massiv verschlechtern, könnte damit vorgegangen werden.

Wer sollte Interesse an dieser Veränderung haben? Welcher Firmenchef wäre an Machtverlust und der Teilung von Gestaltung interessiert?

Irgendwann akzeptieren Menschen immer schärfere Ungleichheiten nicht, also die Konzentration von Macht und Vermögen in sehr wenigen Händen. Dann kommt es möglicherweise zu einem Erdrutsch, zur Notwendigkeit, etwas zu ändern. Aber es gibt auch jetzt schon neue Modelle, Firmen, die alternative Wege ausprobieren. Hier könnten sich praktikable Modelle und Systeme herausbilden, die irgendwann auch gesetzlich verpflichtend werden könnten.

Das klingt nach einem sehr optimistischen, wenn nicht naiven Szenario.

Die Frage ist doch: Wohin sollte sich unsere Arbeitswelt entwickeln? Planwirtschaft hat sich nicht bewährt, der entfesselte Kapitalismus zeigt gerade seine Schattenseiten. Es geht darum, Wege zu finden, Arbeitswelten menschlicher und fairer zu gestalten. Natürlich ist es enorm wichtig, dass es staatliche Regelungen gibt, die Wirtschaft einhegen. Aber ebenso bedeutsam scheint mir, innerhalb von Unternehmen eine Gegenmacht zu starr hierarchischen Strukturen zu schaffen. Das ist der Ansatz von Wirtschaftsdemokratie, die Menschen, die davon betroffen sind, zu befähigen, Arbeitswelten aktiv mitzugestalten.

Aktuell beobachten wir eher das Gegenteil: Wirtschaftliche Interessen unterwandern demokratische Systeme. Soll die Idee der Wirtschaftsdemokratie, diesen Mechanismus umzukehren und umgekehrt sogar Demokratie - auch in der Politik - stärken?

Skeptiker würden sagen, die Probleme der Demokratie handeln wir uns dann überall ein. Aber ja, das ist natürlich eine der Grundideen, demokratisches Mitgestalten auf allen Ebenen einzuüben und damit zu stärken.

Philosophinnen und Philosophen wagen sich wieder an ganz praktische lebensweltliche Fragen. Keimt hier eine neue, lebensnahe Relevanz der Philosophie, die doch lange um sich selbst gekreist ist?

Umwälzungen in der Gesellschaft werfen grundsätzliche Fragen auf. Mit ihnen ist das Bedürfnis der Auseinandersetzung mit Werten und den Prinzipien, die da dahinterstehen, wieder größer geworden. Dieses Gefühl, am Ende der Geschichte mit zufriedenstellenden Modellen angekommen zu sein, das noch in den 90er Jahren dominiert hat, das findet sich heute kaum noch. Von der Klimapolitik bis zu Finanzkrisen: Es ist fast allen klar, dass sich etwas ändern muss. Damit ist die Nachfrage nach Reflexion gestiegen. Aber auch in der Philosophie hat sich einiges getan. Auch an den Universitäten gehen viele Leute weg vom Ausdeuten bestehender Systeme - und hin zu den realen Problemen der Welt. Die Philosophie bietet da hervorragende Methoden und Werkzeuge, gerade in Zusammenarbeit mit den Sozialwissenschaften. Hinausgehen und Feldforschung zu machen, das ist auch in der Philosophie nicht mehr völlig verpönt.