München ist überfüllt. In der U-Bahn fordert die Aufsicht zum Einziehen der Bäuche auf, damit alle Passagiere einsteigen können, im Englischen Garten stehen Fußgänger den Radlern im Weg und auf den Ausfallstraßen herrscht bereits zu Mittag zäher Verkehr, ganz zu schweigen von den Autokolonnen zur Stoßzeit. Bayerns Landeshauptstadt leidet unter akuten Wachstumsschmerzen. 170.000 der knapp 1,54 Millionen Einwohner sind in der vergangenen Dekade hinzugekommen.

Verstädterung ist ein weltweiter Trend, und doch sticht die Münchner Situation hervor. Mietwohnungen sind um 40 Prozent teurer als noch vor zehn Jahren, der Preis für Eigentumswohnungen hat sich in diesem Zeitraum inflationsbereinigt verdoppelt und jener für Baugrund sogar vervierfacht. Wer sich heute in einem freifinanzierten Neubau einmietet, muss mit fast 20 Euro pro Quadratmeter rechnen, und zwar exklusive Umsatzsteuer und Betriebskosten. Neue Eigentumswohnungen kosten im Schnitt 9000 Euro pro Quadratmeter.

"Wer ko, der ko"

Noch teurer werden die Luxuswohnungen auf den früheren Gründen der Paulaner-Brauerei. Preise stehen noch nicht fest,
aber der Investor lässt die Bürger auf Plakaten wissen: "Wer ko,
der ko."

In Sachen Blasenrisiko auf dem Immobilienmarkt kann keine Stadt München das Wasser reichen. Nicht Hongkong, nicht Tokyo und schon gar nicht New York. Das ergab eine Studie der Schweizer Bank UBS unter 24 ausgesuchten Metropolen weltweit - Wien war nicht darunter. Neben München gelten drei weitere europäische Städte als blasengefährdet: Amsterdam, Frankfurt und Paris. "Die Zinsen in der Eurozone sind für die Kernländer zu niedrig", kritisiert UBS-Ökonom Maciej Skoczek im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Weiterhin steht der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) bei null Prozent. Die Kritik an den Entscheidungen des früheren Präsidenten Mario Draghi werden zwar EZB-Direktorium immer lauter, eine Kursumkehr ist aber nicht in Sicht. Dass Draghis Geldschwemme viel zu wenig an den Realmärkten angekommen ist und stattdessen Börsenkurse und Immobilienpreise durch die Decke gehen, kann eine Stadt wie München nicht lenken.

Ihr fällt auch die eigene Attraktivität auf den Kopf. Der Geburtenüberschuss ist größer als zu Zeiten der "Babyboomer". Junge Erwachsene lassen sich scharenweise in der zweitgrößten deutschen Studentenstadt nieder. Oder sie streben nach gut dotierten Jobs, die es dank Industrie- und Dienstleistungsriesen tatsächlich gibt. Mit Allianz, BMW, Munich Re, Siemens und MTU haben fünf der 30 DAX-Konzerne hier ihren Hauptsitz. Bei den Mittelständlern im MDAX sind elf von 60 Unternehmen in München ansässig. Keine deutsche Stadt kann eine vergleichbare Erfolgsbilanz vorweisen.