Die EZB soll nach dem Willen ihrer neuen Präsidentin Christine Lagarde auch künftig eine Schlüsselrolle bei der Sicherung des Wohlstands in der Eurozone spielen. Allerdings müssten die Regierungen dazu ebenfalls ihren Beitrag leisten. Diese Botschaft verbreitete die Französin am Freitag bei ihrem ersten großen Auftritt als oberste Währungshüterin vor der Finanzelite der Währungsunion.

Auf einem Bankenkongress in Frankfurt forderte sie angesichts der steigenden Unsicherheiten durch die globalen Handelskonflikte, die Wirtschaft der Eurozone unabhängiger vom Export zu machen und die Binnennachfrage zu stärken. Die Europäische Zentralbank (EZB) werde ihren Teil dazu beitragen. "Die Geldpolitik wird weiterhin die Wirtschaft unterstützen und auf zukünftige Risiken reagieren im Einklang mit unserem Mandat für Preisstabilität," sagte Lagarde. Mit ihrer Rede gab sie gleichsam ihre Visitenkarte in der europäischen Finanzwelt ab.

"Die konjunkturstützende EZB-Geldpolitik war ein zentraler Treiber für die Binnennachfrage während der Erholungsphase und diese Ausrichtung bleibt bestehen", betonte die EZB-Präsidentin. Bei ihrem Auftritt zielte sie vor allem auf die großen ökonomischen Herausforderungen Europas ab und wählte eine entschiedene politische Tonart. Auf die aktuelle Geldpolitik und den Streit darüber im EZB-Rat ging sie dagegen nicht ein.

"Bis auf Weiteres erfüllt Lagarde die Erwartungen, dass sie die führende wirtschaftliche und politische Stimme für Europa werden kann statt die EZB schnell von Grund auf zu ändern", sagte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt des Bankhauses ING Deutschland. Lagarde konzentriere sich etwas mehr auf Investitionen und das Freisetzen der Potenziale Europas, ergänzte Anatoli Annenkov, Volkswirt beim französischen Bankhaus Societe Generale. "Die große Frage hier ist, in welchem Umfang die Finanzminister zuhören werden."

Analyst: Lagardes Rede geldpolitisch enttäuschend

Michael Schubert, EZB-Experte der Commerzbank, merkte an, dass die einstige französische Finanzministerin vor dem Europäischen Parlament deutlich gemacht habe, dass sie die Verbindung zur Politik als ihre Stärke ansehe. "Es ist daher nur folgerichtig, dass sie Appelle an die Politik richtet", sagte Schubert. Geldpolitisch sei ihre Rede dagegen enttäuschend gewesen.