Seit zwei Monaten ist Govind Adhiya ohne Arbeit. Der 30-jährige Diamantenschleifer, der im engen Varaccha-Viertel von Surat lebt, ist nicht besonders optimistisch: "Im Jahr 2008, als es eine weltweite Rezession gab, hatte ich gerade meine Ausbildung in der Diamantenverarbeitung abgeschlossen und war arbeitslos. Ich musste zurück zu meinen Eltern gehen. Diesmal wird das schwieriger werden, weil ich jetzt selbst eine Familie habe", sagt Adhiya der "Hindustan Times".

Die Aufträge aus den USA liegen unter dem Niveau vom letzten Jahr. - © Keystone/Martial Trezzini
Die Aufträge aus den USA liegen unter dem Niveau vom letzten Jahr. - © Keystone/Martial Trezzini

Surat, die 6-Millionen-Stadt im westlichen Bundesstaat Gujarat, ist Indiens Zentrum der lukrativen Schmuckindustrie. In "Diamond City", wie Surat genannt wird, ist fast jeder Diamant, der irgendwo auf der Welt verkauft wird, geschliffen worden. Hier leben rund 500.000 Diamantenschleifer, die für über 90 Prozent aller verarbeiteten Diamanten auf dem Weltmarkt verantwortlich sind. Govind ist einer davon. Die ganze Branche beschäftigt in Indien fünf Millionen Arbeiter und generiert sieben Prozent des indischen Bruttoinlandsproduktes.

Star-Juwelier ruiniert
Ruf der Branche

Doch seit dem Mega-Betrugsskandal um Indiens Star-Juwelier Nirav Modi reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Die Nachfrage nach Diamanten ist auf das niedrigste Niveau seit der Krise 2008 gefallen. Seit Dezember 20018 sind laut der "Surat Diamand Association" etwa 100.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

Die Branche beschäftigt um die 700.000 Menschen in Surat. Der hohe Preis für Rohdiamanten, die Abwertung der chinesischen Yuan, Unklarheiten im Handelskrieg zwischen China und den USA, wirtschaftlicher Abschwung und fehlende Kredite setzten der Schmuckindustrie zu. Um die 42 Prozent der Diamanten aus Surat gehen nach China. "Es ist das erste Mal in über fünf Jahrzehnten, dass der Preis von Rohdiamanten über ein Jahr inflationär hoch ist", klagt Diamant-Exporteur Savj Dholakia. "Wenn es nicht bald eine drastische Preiskorrektur gibt, werden meiner Einschätzung nach nur die Firmen mit dem dicksten finanziellen Polster überleben."

Die Nachfrage zu Diwali, dem hinduistischen Lichterfest, im Oktober war bereits hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Auch das Weihnachtsgeschäft hat keine Trendwende gebracht. Die Aufträge aus den USA liegen unter dem Niveau vom letzten Jahr. Der amerikanische Markt ist immer noch der wichtigste für Surats Diamantenhändler. "Wie hoffen, dass sich die Lage 2020 wieder erholt", sagt Babu Kathiriya von der Surat Diamand Association.

Klage gegen
Auslieferung

Neben der sinkenden Nachfrage sind auch die fehlenden Bankkredite, die der Branche zusetzen. Seit dem großen Schwindel von Star-Juwelier Nirav Modi, der 2018 aus Indien floh, nachdem er eine staatliche Bank in Indien um sagenhafte zwei Milliarden US-Dollar betrogen hatte, hat der Ruf der Industrie gelitten. Modi, der im Moment in Großbritannien in Haft sitzt und gegen seine Auslieferung nach Indien klagt, hatte offenbar sein Diamanten-Imperium dazu genutzt, sich von der "Punjab National Bank" falsche Garantien ausstellen zu lassen, mit denen er sich dann wieder von ausländischen Banken Geld lieh. "Die Banken haben die Schmuckindustrie auf die schwarze Liste gesetzt", klagt Shantibhai Patel, Präsident der indischen Juweliervereinigung.

Bankkredite an die Industrie sind in diesem Jahr um etwa 20 Prozent gefallen. Besonders kleiner Unternehmen haben nun Schwierigkeiten, liquide zu bleiben.