Am 1. Jänner 2020 wird die Welthandelsorganisation (WTO) 25 Jahre alt - das könnte ein Grund zum Feiern sein, doch gerade jetzt steckt die WTO in ihrer bisher größten Krise. Um weitreichende Reformen zu erzwingen, haben die USA eines der wichtigsten Gremien der Organisation lahmgelegt. Dabei hätten die USA mehr als andere Länder von der WTO profitiert, zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Die größten WTO-Mitglieder USA und China würden ihre Zollstreitigkeiten immer öfter außerhalb der Organisation eskalieren lassen, doch gerade diese Länder hätten gemeinsam mit Deutschland in absoluten Zahlen am meisten vom regelbasierten, freien Welthandel profitiert, sagt die wirtschaftsnahe deutsche Stiftung. Die Stiftung hält die Mehrheit der Anteile am deutschen Medienkonzern Bertelsmann.

US-Wirtschaftsleistung um 87 Mrd. US-Dollar höher als ohne WTO-Mitgliedschaft

Die USA, China und auch Deutschland hätten weltweit die stärksten Wohlstandsgewinne erzielt, die direkt auf ihre Mitgliedschaft in der WTO zurückzuführen seien, so die Studie. Die Wirtschaftsleistung der USA sei heute um 87 Mrd. US-Dollar (78 Mrd. Euro) höher als sie es ohne WTO-Mitgliedschaft wäre. Für China betrage der BIP-Zuwachs rund 86 Mrd. Dollar und für Deutschland 66 Mrd. Dollar - die Berechnungen basieren auf den BIP-Zahlen des Jahres 2016. Stark profitiert hätten auch andere exportorientierte Länder wie Südkorea (rund 31 Mrd. Dollar BIP-Zuwachs) und Mexiko (rund 58 Mrd. Dollar). Österreich hat gemessen an seiner Größe sogar noch stärker profitiert: Ohne WTO-Mitgliedschaft wäre das BIP um rund 8 Mrd. Dollar (7,2 Mrd. Euro) niedriger.

Die Studienautoren Gabriel Felbermayr, Mario Larch, Yoto Yotov und Erdal Yalcin haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung die Wohlstandseffekte der WTO-Mitgliedschaft für 180 Länder weltweit berechnet, darunter auch alle 164 WTO-Mitgliedsstaaten.

Demnach schaffte die WTO 2016 für alle ihre Mitglieder insgesamt einen Wohlstandszuwachs von rund 855 Mrd. Dollar pro Jahr. Dies entspricht etwa einem Prozent des weltweiten BIPs. Doch auch neben den Top-Gewinnern ist die Mitgliedschaft im Welthandelsclub für die meisten Staaten ein gutes Geschäft. So profitieren die EU-Mitglieder zusammen mit 232 Milliarden und die OECD-Länder mit insgesamt 480 Mrd. Dollar. Für Nicht-Mitglieder hingegen identifizieren die Studienautoren Wohlstandseinbußen und einen Rückgang der Exporte.

"Wenn ein Land WTO-Mitglied wird, steigen innerhalb eines Zeitraums von fünf bis zehn Jahren - so lange dauert die Anpassung - die Exporte für dieses Land im Durchschnitt um 14 Prozent", erklärte Christian Bluth, Handelsexperte der Bertelsmann-Stiftung, im Gespräch mit der APA. Die Effekte der WTO-Mitgliedschaft auf Exporte und Wohlstand seien größer als die von bilateralen Handelsabkommen. "Auch wenn keine Organisation perfekt ist: Wer statt der WTO auf ein System von rein bilateralen Handelsabkommen setzt, würde enorme Wohlstandseinbußen im internationalen Handel riskieren", so Bluth. (apa)