In 172 Jahren Firmengeschichte kann nicht immer alles gut gehen. Wie viele Krisen der deutsche Technologiekonzern Siemens durchlebte, weiß man wahrscheinlich nicht einmal im hauseigenen Firmenmuseum. Es spielt auch keine Rolle, wie viele es waren. Schließlich bewältigte der Konzern noch jede einzelne, mit den von Firmengründer Werner Siemens eingeimpften Tugenden: Innovation, technischer Fortschritt, Handschlagqualität.

Doch dieses Mal ist es anders, das Serum gegen Krisen wirkt nicht mehr. Nachdem Siemens-Chef Joe Kaeser Signalanlagen für die weltweit größte Kohlemine in Australien zusagte, steht der Konzern als unverbesserlicher Umweltverschmutzer da. Ein paar Tage vor der am Mittwoch tagenden Jahreshauptversammlung rebellieren nun auch die ersten Aktionäre. Kaesers Vorgehen schädige das Image des Konzerns, sagen sie. Der Vorwurf sorgt für Ratlosigkeit in der Siemens-Zentrale, man ist sich keiner Schuld bewusst. Aber nicht, weil Kaeser und seine Vorstände Angst haben, einen Fehler einzugestehen, sondern weil die jahrhundertealte Denkkultur des Konzerns eine andere ist. Über ein Missverständnis, das den Konzern teuer zu stehen kommen kann:

Wer Siemens verstehen will, muss bei Gründer Werner Siemens (1816-1892) beginnen. Der Bauernsohn lässt sich von der Technikbegeisterung der damaligen Zeit anstecken, ist fasziniert von Elektrotechnik und Physik. Ein Studium an der Berliner Bauakademie kann er sich zwar nicht leisten. Sein unbändiger Wille, am technischen Fortschritt teilzuhaben, lässt ihn aber einen anderen Weg finden. Siemens meldet sich beim preußischen Militär und wird dort auf Staatskosten zum Ingenieur ausgebildet.

Der 23-jährigen Luisa Neubauer wird ein Aufsichtsratsposten angeboten, den sie aber ablehnt. - © reuters/Fabian Bimmer
Der 23-jährigen Luisa Neubauer wird ein Aufsichtsratsposten angeboten, den sie aber ablehnt. - © reuters/Fabian Bimmer

"Unser Ziel ist die Spitze"

Als er am 1. Oktober 1847 in einem Berliner Hinterhof mit seinem Partner Johann Georg Halske das Unternehmen "Telegraphen Bau-Anstalt von Siemens & Halske" gründet, hat er klare Vorstellungen. In einer Zeit, als die Städte zu leuchten beginnen und Nachrichten plötzlich in Windeseile übertragen werden können, soll sein Unternehmen stets vorne mit dabei sein. "Unsere Aufgabe ist es, uns an der Spitze der Elektrotechnik zu halten", schreibt er 1882 an seinen Bruder Carl. Ein Grundsatz, der bis heute gilt.

Der geadelte Firmengründer Werner von Siemens. - © Siemens
Der geadelte Firmengründer Werner von Siemens. - © Siemens

Siemens wird zum deutschen Vorzeigeunternehmen, das den technischen Fortschritt vorantreibt. Bereits ein Jahr nach Firmengründung erhält das Unternehmen den Auftrag, die erste Ferntelegrafenverbindung Europas zu bauen. Damit lassen sich Nachrichten innerhalb einer Stunde zwischen Frankfurt und Berlin schicken. Auch in Russland sowie zwischen Indien und Großbritannien verlegt das Unternehmen Telegrafenlinien. Siemens entwickelt einen Dynamo, mit dem es möglich ist, elektrische Beleuchtungssysteme und Elektromotoren zu konstruieren. 1881 baut das Unternehmen die erste elektrische Straßenbahn der Welt in Berlin-Lichterfelde. Sein Leben lang widmet sich der Firmengründer der Technik. In seinen Briefen an Bruder Carl schreibt er über Apparate, große technische Umwälzungen und höheren Rangstufen der Elementarkräfte.