"Wiener Zeitung": Seit gestern ist der Brexit vollzogen. Die regierenden Tories wünschen sich ein Singapur an der Themse, also einen deregulierten Finanzplatz für zwielichtiges Kapital aus der ganzen Welt. Kann das funktionieren?

Richard Grieveson: Nein, denn Großbritannien ist nicht Singapur: Es ist eine andere Wirtschaft und zudem viel größer. Weltweit gibt es drei große Wirtschaftsblöcke: China, die EU und die USA. Großbritannien ist nicht groß genug, um einen vierten Block auszumachen, es muss sich in einen der drei bestehenden einfügen. Die Idee, dass man dereguliert und Steuern senkt, wie das in Singapur der Fall ist, ist theoretisch möglich, aber dann verliert man den Zugang zum EU-Markt. Die EU hat verständlicherweise Angst vor einem Großbritannien mit niedrigen Arbeits- und Sozialstandards. Je mehr Großbritannien hier ändert, desto mehr verliert es den Zugang zum Markt. Es wäre wirtschaftlich sinnvoll, näher an der EU zu bleiben, aber dann stellt sich die Frage, wozu der Brexit überhaupt gut sein soll.

Richard Grieveson, geboren 1984 im nordenglischen Hexham, ist seit 2019 stv. Direktor des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Zuvor war der Ökonom bei der Economist Intelligence Unit (EIU) sowie bei der Ratingagentur Fitch Ratings in London tätig. Grieveson forscht vor allem zu globalen und europäischen Wirtschaftsaussichten, der Türkei, dem Westbalkan sowie dem Brexit. wiiw
Richard Grieveson, geboren 1984 im nordenglischen Hexham, ist seit 2019 stv. Direktor des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Zuvor war der Ökonom bei der Economist Intelligence Unit (EIU) sowie bei der Ratingagentur Fitch Ratings in London tätig. Grieveson forscht vor allem zu globalen und europäischen Wirtschaftsaussichten, der Türkei, dem Westbalkan sowie dem Brexit. wiiw

Müssen die Brexiteers ihr Hauptversprechen, nach dem Brexit wieder alles selbst entscheiden zu können, also zwangsläufig brechen?

Es wird für sie sehr schwer werden, das einzuhalten, denn die wirtschaftlichen Konsequenzen sind hoch. Viel zu ändern und sich einem Modell wie in den USA oder Australien anzunähern ist nicht realistisch, am Ende steht eine Enttäuschung. Taktisch waren die Tories klug: Der Wahlspruch "Get Brexit Done" hat politisch funktioniert. Doch das zu liefern wird schwer: Migration zu kontrollieren, ein Handelsabkommen mit den USA abzuschließen, sich von der EU zu lösen: All diese Versprechen können nicht ohne Verluste für Unternehmen eingelöst werden.

Haben die Tories und Premier Boris Johnson überhaupt konkrete Ideen, wie ihr Land nach dem Brexit aussehen soll?

Es gibt eine große Gruppe in der Partei, die hohe Risiken eingehen will: so weit weg von der EU wie möglich, mehr in Richtung der englischsprachigen Welt, also USA, Kanada und Australien. Was Premier Boris Johnson wirklich will, abgesehen von Macht, ist schwer zu sagen. Sein Berater Dominic Cummins hat zwar einige Vorstellungen, die gar nicht so blöd sind, etwa eine Reform der Beamtenschaft. Aber es ist unklar, welche Beziehungen zur EU und zu den USA er anstrebt. Was die Tories nun liefern wollen und wie, das ist völlig unklar.

Je mehr London dereguliert, desto mehr verliert das Land den Zugang zum EU-Markt. Besteht die Gefahr, dass die britische Finanzwelt dann keine Finanzdienstleistungen in der EU mehr anbieten darf?