Siemens steht eine von Protesten und Kritik begleitete Hauptversammlung bevor. Zum Aktionärstreffen am Mittwoch (10.00 Uhr) in München haben verschiedene Gruppierungen Proteste gegen den deutschen Industriekonzern angekündigt. Im Zentrum steht dabei die Kritik von Klimaaktivisten an der Beteiligung des Konzerns an einem riesigen Kohlebergbauprojekt des Adani-Konzerns in Australien.

Einen Vorgeschmack bekam Siemens bereits am Dienstag: Aktivisten von Greenpeace besetzten das Dach der Konzernzentrale in München und entrollten ein Transparent mit der Aufschrift: "Buschbrände beginnen hier". Siemens Vorstandschef Joe Kaeser sagte, es mute "schon fast grotesk an, dass wir durch ein Signaltechnik-Projekt in Australien zur Zielscheibe zahlreicher Umweltaktivisten geworden sind".

Auch von Investorenseite wird sich Kaeser einiges anhören dürfen. Zuletzt hatte Vera Diehl von Union Investment den Auftrag für das Kohlebergwerk als "kommunikatives Desaster für Siemens" bezeichnet.

Konzern in Umbruchphase

Siemens befindet sich derzeit in einer Umbruchphase. Der Konzern will im Laufe des Jahres sein Energiegeschäft als "Siemens Energy" an die Börse bringen. Dafür schafft der Konzern jetzt klare Verhältnisse bei der Windkrafttochter Siemens Gamesa, die neben der alten Sparte Gas and Power der Hauptbestandteil des neuen Unternehmens ist.

Wie Siemens am späten Dienstagabend mitteilte, übernimmt der Konzern den Minderheitsanteil von 8,1 Prozent, den bisher der spanische Energiekonzern Iberdrola gehalten hatte, um 1,1 Mrd. Euro. Damit fallen auch die Minderheitsrechte von Iberdrola weg, die in der Vergangenheit immer wieder zu Streit geführt hatten. Siemens hält künftig mit 67,1 Prozent die Zweidrittelmehrheit in der Hauptversammlung.

Zudem läuft Kaesers Vertrag als Vorstandsvorsitzender zum Jahresende aus. Es könnte also seine letzte Hauptversammlung an der Siemens-Spitze sein. Als wahrscheinlichster Nachfolger gilt sein Vize Roland Busch.

Gewinnrückgang im neuen Jahr

Siemens ist mit einem deutlichen Gewinnrückgang ins neue Geschäftsjahr gestartet und hat die Experten-Erwartungen damit verfehlt. Das bereinigte operative Ergebnis aus dem Industriegeschäft, die meistbeachtete Erfolgs-Kennziffer, brach im ersten Quartal (Oktober bis Dezember) um 30 Prozent auf 1,43 Milliarden Euro ein, wie der Industriekonzern am Mittwoch vor der Hauptversammlung in München mitteilte. Von Siemens befragte Analysten hatten im Schnitt mit 1,88 Milliarden Euro gerechnet. Das vor der Abspaltung stehende Energietechnik-Geschäft zeigte ebenso Schwächen wie das Aushängeschild, die Industrieautomatisierung (Digital Industries). Diese litt unter dem Abschwung in der Autoindustrie und im Maschinenbau und musste einen operativen Gewinnrückgang um ein Drittel hinnehmen.

Vorstandschef Joe Kaeser sprach von einem verhaltenen Start ins Geschäftsjahr. Der Nettogewinn ging um drei Prozent auf 1,09 Milliarden Euro zurück. Der Umsatz stieg um ein Prozent auf 20,3 Milliarden Euro, während der Auftragseingang mit 24,8 Milliarden Euro um zwei Prozent unter Vorjahr lag. Die Kennzahlen lagen über den Analystenerwartungen. Siemens bestätigte die Prognosen für 2019/20 (Ende September): Der Umsatz soll auf vergleichbarer Basis moderat steigen, der Gewinn je Aktie soll zwischen 6,30 und 7,00 (Vorjahr: 6,41) Euro landen. (apa, dpa, reuters)