Die Mailänder Börse auf Talfahrt, abgesagte Fachmessen, die Tourismusbranche unter Druck: Das Coronavirus hat Italiens wirtschaftliche Lunge im Norden des Landes fest im Griff. Schon bevor die Behörden versuchten, mit drastischen Maßnahmen eine weitere Ausbreitung des neuartigen Erregers der Lungenkrankheit einzudämmen, schwächelte die drittgrößte Wirtschaftsnation der Eurozone. Die Virus-Krise dürfte das Wachstum nun weiter abwürgen.

Bis Dienstag hatten sich nach Angaben des Zivilschutzes mehr als 280 Menschen in Italien mit dem Coronavirus infiziert, erste Fälle wurden nun auch aus der Toskana im Zentrum und auf Sizilien im Süden des Landes gemeldet. Die Zahl der dem Virus erlegenen Menschen in Italien ist Dienstagabend auf elf gestiegen.

Am schwersten betroffen aber ist der wirtschaftsstarke Norden des Landes - und dort vor allem die Lombardei mit ihrer Hauptstadt Mailand sowie Venetien mit dem Touristenmagneten Venedig.

Elf Orte sind Sperrzonen

Die Behörden reagierten umgehend mit drakonischen Maßnahmen: Elf Orte in den beiden am schwersten betroffenen Regionen, darunter allein zehn in der Lombardei, sind seit Sonntag Sperrzonen; allein davon sind rund 52.000 Menschen betroffen. Schulen, Universitäten und Museen wurden geschlossen, Sport- und Kulturveranstaltungen abgesagt. Selbst Venedigs Karneval wurde abgebrochen.

In der Lombardei müssen Bars und Diskotheken außerdem zwischen 18.00 und 6.00 Uhr schließen - ausgerechnet zu ihren Spitzenzeiten.

Epidemie und Gegenmaßnahmen hätten schon jetzt starke Auswirkungen auf den Dienstleistungssektor, sagt Luca Paolazzi vom Forschungsinstitut REF. Doch genau dieser Sektor habe Italiens Wirtschaft "vor dem Absaufen" gerettet. Deshalb halte er es für "durchaus möglich, dass Italiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal und auch im zweiten schrumpfen" werde.

Italiens Wirtschaft steht schon länger alles andere als glänzend da. Die Abschwächung der globalen Wirtschaft sowie politische Instabilität im eigenen Land sorgten dafür, dass sie 2019 nur um 0,2 Prozent wuchs - und das BIP zum Jahresende sogar rückläufig war. Damit landete sie im EU-Vergleich auf dem letzten Platz.

Für heuer rechnete die Regierung in Rom mit einem Wachstum der Wirtschaftsleistung um 0,6 Prozent. Doch hatte sie da noch nicht mit dem Coronavirus gerechnet. Die Regionen Lombardei und Venetien erwirtschaften gemeinsam rund ein Viertel bis zu knapp einem Drittel der Wirtschaftsleistung Italiens. Sie seien "Motor der Produktion", sagt Paolazzi. Die Auswirkungen des Virus dürften deshalb enorm sein.

40 Prozent Absagen in Venedig

An der Mailänder Börse gaben vor allem die Aktien italienischer Luxusmarken wie Salvatore Ferragamo oder großer Industriekonzerne nach. Die Hälfte der Einkäufer aus Asien blieb der Mailänder Fashion Week fern. Mehrere größere Fachmessen wurden bereits abgesagt oder verschoben. Nun bangen die Aussteller, ob die Mailänder Möbelmesse im April stattfinden kann. Der Veranstaltungsverband "Federcongressi&eventi" warnte bereits vor Verlusten in Höhe von 1,5 Milliarden Euro binnen eines Monats in der Lombardei, Venetien und der Emilia-Romagna.

Mit großer Sorge beobachtet aber vor allem das Hotelgewerbe die Entwicklungen rund um das Virus. Nach den Absagen von Fachmessen und anderen Veranstaltungen und damit dem Fernbleiben der Übernachtungsgäste kommen nun schon erste Annullierungen von Geschäftsreisen. Allein in Mailand sei in dieser Woche ein Viertel der Buchungen storniert worden, sagte der Vorsitzende des dortigen Hotelverbands, Maurizio Naro. Venedig musste nach Angaben des dortigen Verbandsvize Daniele Minotto 40 Prozent Absagen verkraften - Tendenz steigend.

"Wir befinden uns gerade im Auge des Sturms", klagt der Chef des Bundesverbandes Federalberghi, Bernabo Bocca. "Auf den Image-Schaden folgt nun der wirtschaftliche Schaden."

Von der EU fordert Italien deshalb Flexibilität bei der Bewertung der Budgetlage des Landes. Die EU sollte Italien bei den Etatzielen entgegenkommen, wenn sich die Coronavirus-Epidemie erheblich auf die Wirtschaftsleistung auswirken sollte, sagt die stellvertretende Wirtschaftsministerin Laura Castelli dem Radiosender RAI Uno. Der EU stünden dafür Ressourcen zur Verfügung.

Deutsche Exporteure in Sorge

Vor dem Hintergrund der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus hat sich die Stimmung unter den deutschen Exporteuren unterdessen merklich verschlechtert. Die Exporterwartungen der Industrie fielen im Februar von plus 0,8 Punkten auf minus 0,7 Punkte, wie das Münchner Ifo-Institut am Dienstag mitteilte. Die aktuellen Entwicklungen rund um das neuartige Virus lassen somit kurzfristig kaum auf eine Besserung hoffen.

Die Autobranche, die für österreichische Zulieferer sehr wichtig ist, befürchtet laut Ifo-Institut einen verstärkten Rückgang ihrer Exporte in den kommenden Monaten. Auch in der Chemischen Industrie sei die Skepsis zurück - nach einem zuletzt leicht optimistischen Ausblick. Im Maschinenbau gehen die Firmen ebenfalls tendenziell von einem leicht rückläufigen Auslandsgeschäft aus.

Lichtblicke in diesem Monat seien die Hersteller von Nahrungs- und Genussmitteln sowie die Getränkehersteller. Sie erwarteten deutliche Zuwächse bei ihren Exporten in den kommenden Monaten.

BIP-Verlust in Österreich

In Österreich hat die Industriellenvereinigung (IV) den BIP-Verlust durch die Auswirkungen des Coronavirus auf die Handelsbeziehungen zu China mit 569 Millionen Euro errechnet. Dies entspricht 0,15 Prozent der Bruttowertschöpfung im Jahr 2020. Somit fällt der zu erwartende reale BIP-Zuwachs (IV-Prognose: 1,0 bis 1,25 Prozent) um rund 12 Prozent geringer aus, so Christian Helmenstein, IV-Chefökonom.

"Kurzfristig führt die Covid-19-Epidemie zu einem auch in Österreich spürbaren Verlust an wirtschaftlicher Dynamik", sagte der Fachmann am Dienstag. Falls man die Ausbreitung der Infektion in den kommenden Wochen wirksam eindämmen und in weiterer Folge überwinden könne, sei die in Europa derzeit nur mäßig dynamische Konjunktur dennoch ausreichend, diesen exogenen Negativ-Schock zu absorbieren, ohne dass die österreichische Volkswirtschaft in eine Rezession abgleitet.

Nicht berücksichtigt ist in den IV-Berechnungen das Szenario einer Verschärfung der Situation in Italien, das gleichauf mit den USA der zweitwichtigste Handelspartner Österreichs ist. Und wirklich dramatisch wären die Folgen eines epidemischen Ausbruchs in Österreich selbst - mit entsprechenden Auswirkungen auf den Tourismus, der laut Helmenstein für 16 Prozent der Wirtschaftsleistung steht.(afp/apa)