"Bitte kommt nicht zur Arbeit", scheint es derzeit von diversen Seiten zu den Menschen in Japan zu rufen. Während das Coronavirus im ostasiatischen Land seine Kreise zieht, igelt sich das Land zusehends ein. Die Regierung rät ihren Bürgern mittlerweile, Menschenansammlungen möglichst zu vermeiden. Betriebe bittet sie, Bürozeiten zu reduzieren. Dementsprechend empfehlen nun auch immer mehr Arbeitgeber, darunter der Telekommunikationsgigant NTT und der Internetkonzern Yahoo Japan, dass sich ihre Mitarbeiter ein Homeoffice einrichten oder möglichst wenig Zeit im Büro verbringen. In der ansonsten sehr emsigen Arbeitswelt des Landes hat so etwas Seltenheitswert.

Diese Tage durchlebt Japan eben keine normalen Zeiten. Mehr als 850 Fälle von mit dem Virus Covid-19 infizierten Personen sind nun bekannt. Außerhalb Chinas ist neben Südkorea kein anderes Land so stark betroffen. Und vielmals wissen Wissenschaftler nicht, welche Route das Virus zurückgelegt hat, um sich auch in Japan derart schnell zu verbreiten. Nachdem die Sache längst ein gesundheitspolitisches Problem geworden ist, wird sie zusehends auch zu einem wirtschaftlichen: Lieferketten aus China, von wo viele japanische Betriebe Komponenten beziehen, sind teilweise unterbrochen. Bürostunden fallen aus. Und man weiß nicht, wie lang dieser Zustand noch anhalten wird.

In der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt macht man sich schon Sorgen, dass das Land kurz vor den Olympischen Spielen noch in eine Wirtschaftskrise rutscht. Eigentlich sollte die größte Sportveranstaltung der Welt neben einem Bauboom auch zu einem langwährenden Aufschwung des Tourismus und des Inlandskonsums führen. Im Moment aber leiden sowohl der Fremdenverkehr als auch der Einzelhandel akut unter dem Virus, wobei einige tiefer liegende Probleme die aktuelle Epidemie noch überdauern werden. Schon Mitte des Monats, als Covid-19 weitaus weniger verbreitet war, äußerten Analysten, dass sie sich auf eine Rezession einstellen.

Hohe Staatsverschuldung

Zu Beginn dieser Woche wurden solche Sorgen noch bestärkt. Nach einem japanischen Feiertag am Montag sackte der Aktienleitindex der Tokioter Börse Nikkei 225 gleich am Dienstagmorgen um 4 Prozent ein. Am Ende des Tages war es ein Minus von 3,3 Prozent gegenüber dem letzten Geschäftstag am Freitag vergangener Woche. Mit einem Punktestand von 22.426,19 schloss derNikkei 225, in dem zahlreiche japanische Konzerne gelistet sind, am Mittwoch so schlecht abwie seit Ende Oktober 2019 nicht mehr.

Damals hatte Japans Regierung nach jahrelangem politischem Tauziehen die Mehrwertsteuer von zuvor 8 auf 10 Prozent erhöht, wodurch die im Land sehr hohe Staatsverschuldung zumindest teilweise gelindert werden soll. Japan ist mit rund 230 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet. Auch wenn ein Großteil der Verbindlichkeiten gegenüber den eigenen Bürgern besteht, muss der öffentliche Sektor an neue Einnahmequellen kommen, um diese langfristig bedienen zu können. Schon im Jahr 2014 war daher eine Mehrwertsteuererhöhung von 5 auf 8 Prozent beschlossen worden.

Allerdings brach damals wie diesmal daraufhin die Wirtschaft zunächst ein. Maßgeblich weil Verbraucher und Betriebe größere Ausgaben vor der Mehrwertsteuererhöhung tätigten, verbuchte das nationale Statistikamt in Tokio im betreffenden Quartal 2014 einen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität um 7,4 Prozent. Im viertel Quartal 2019, wie erst Mitte Februar bekannt wurde, schrumpfte die japanische Wirtschaft dann um 6,3 Prozent. Zum Effekt der Mehrwertsteuererhöhung kam diesmal noch der Taifun Hagibis hinzu, der im Oktober tagelang das Land lahmlegte.

Dämpfer für die Wirtschaft

Mehrwertsteuererhöhung, ein Taifun und nun eine schwere Grippewelle – allesamt einmalige Ereignisse, durch die ein Rückgang der Produktion nicht weiter bedenklich ist, könnte man meinen. Doch wer Wert auf solche Wirtschaftsstatistiken legt, der hat im Fall Japans auch guten Grund zur Sorge. Denn gerade was die Mehrwertsteuererhöhung angeht, hätte das Land diese zusätzliche Belastung für Verbraucher womöglich viel besser verkraftet, wenn die Haushalte über mehr Kaufkraft verfügten. Doch auf dem Arbeitsmarkt ist mittlerweile weit mehr als ein Drittel prekär beschäftigt, bezieht also geringere Einkommen und hat weniger Rechte als Vollzeitangestellte. Während daher der Aktienindex Nikkei 225 seit Jahren steigt, nimmt das Reallohnniveau kaum zu. So führen schon kleinere Preiserhöhungen zu Kaufzurückhaltung.

Die Regierung von Premierminister Shinzo Abe kündigte schon im Dezember eine Konjunkturspritze in Höhe von 120 Milliarden Yen (rund eine Milliarde Euro) an, um die Effekte der Mehrwertsteuererhöhung abzufedern, wenngleich die strukturellen Probleme am Arbeitsmarkt dadurch kaum gelöst werden. Diese Woche, am selben Tag des Kursabsturzes an der Tokioter Börse beschloss Japans Regierung dann eine neue Grundsatzstrategie im Umgang mit Covid-19: Im Wesentlichen besteht diese darin, dass Menschen daheimbleiben sollen, so sehr es geht, während die Kapazitäten der Krankenhäuser für Ernstfälle bereitgemacht werden.

Diese stark abgeschwächte Form einer Quarantäne wird Japans wirtschaftliche Aktivität wohl zunächst weiter dämpfen. Mittelfristig soll so aber die Infektionsrate sinken – wodurch nicht zuletzt gesichert werden soll, dass im Sommer die Olympischen Spiele ab Ende Juli in Tokio wie geplant steigen. Die würden Millionen Besucher ins Land bringen, und damit viel Geschäftstätigkeit. Falls Japan dann schon in eine Rezession gerutscht ist, böte das Sportevent womöglich wieder einen Weg heraus.