Wenn China niest, holt die Welt sich Schnupfen. Doch es geht längst nicht um harmloses Niesen, sondern um das Coronavirus SARS-CoV-2 und die Welt kämpft gegen eine Pandemie und eine drohende Rezession an.

Wochenlang waren Investoren und Marktteilnehmer relativ angstbefreit und haben wohl darauf gehofft, dass die Corona-Krise ein zeitlich begrenztes und lokales Phänomen bleiben wird. Aber diese Woche hat die Sorge um die Folgen einer Pandemie für die Weltwirtschaft die Börsen erfasst.

New York, Shanghai, Shenzhen, Tokio, Hongkong, Seoul, London, Frankfurt, Paris, Wien. Überall stürzten die Kurse ab.

Aber wie schlimm ist die Lage tatsächlich? Die Antwort: ernst. Sehr ernst. Die Börsenwoche war die schlimmste seit der Lehman-Pleite im September 2008. Ein Börsenwert von rund sechs Billionen Dollar wurde weltweit ausgelöscht. Sechs Billionen: Das sind 6000 Milliarden, eine 6 mit zwölf Nullen. Mit dieser Summe könnte man die österreichischen Staatsausgaben für 75 Jahre finanzieren. Im Gegensatz zur Finanzkrise geht der Schock aber von der Realwirtschaft aus: Chinas Wirtschaft schwächelt. Das lässt sich etwa am vergleichsweise niedrigen Stromverbrauch ablesen.

Maximilian Kunkel, Chefanlagestratege für Österreich bei der Schweizer Großbank UBS, rechnet gegenüber der "Wiener Zeitung" damit, dass sich die chinesische Wirtschaft im Quartalsvergleich um minus 1,5 Prozent abschwächen und im Jahresvergleich nur noch um 3,8 Prozent wachsen wird. Auf jährlicher Basis wird das reale chinesische Bruttoinlandsprodukt um 5,4 Prozent wachsen - eine Reduktion von 0,6 Prozent gegenüber der ursprünglichen Prognose der UBS.

Für Europa hat die UBS drei Szenarien durchgespielt:

1. Lediglich vereinzelte Fälle des Virus, ähnlich wie in Italien, die allerdings durch Regierungsmaßnahmen eingedämmt werden können.

2. Regionale Fälle über mehrere europäische Städte, die zu geringeren Konsumentenausgaben führen könnten.

3. Eine Pandemie, die bis in das zweite Quartal reicht.

Die UBS-Analysten halten Szenario eins für am wahrscheinlichsten. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft seien in diesem Fall begrenzt: Nach der derzeitigen Prognose sollte der Londoner Index FTSE 100 im Dezember 2020 bei 7.800 Punkten stehen (derzeit steht der FTSE 100 bei rund 6550 Punkten).

Peter Brezinschek, Chefanalyst von Raiffeisen Research, hofft im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" darauf, dass nach einem durch das Corona-Virus verhagelten zweiten Quartal Nachzieheffekte einsetzen könnten - vorausgesetzt, dass das Virus rasch unter Kontrolle gebracht werden kann. Allerdings rechnet Brezinschek noch bis mindestens April mit einem "volatilen Börsen-Umfeld".

Lieferkette in Gefahr

Heiko Schwarz, Gründer der Lieferketten-Risiko-Analyse-Firma Riskmethods mit Sitz in München, Boston und Wrocaw, sieht die Situation für die Industrie alles andere als rosig. Er berichtet im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" von massiven Problemen bei den Lieferketten von deutschen und europäischen Unternehmen, die seit Ausbruch des Corona-Virus zutage treten. Zuerst seien diese Probleme vor allem bei Lieferanten in China aufgetreten. Stillstand in Fabriken, Lkw, die nicht zum Hafen durchkommen, Containerschiffe, die im Hafen liegenbleiben. Der BDI Baltic Dry Index, der Verschiffungskosten von wichtigen Rohstoffen misst, ist seit dem 2. Jänner um fast 50 Prozent gefallen - das bedeutet, die Nachfrage nach Frachtraum in Schiffen ist derzeit sehr gering. Schwarz rechnet damit, dass durch die Corona-Krise schon in wenigen Wochen Kurzarbeit bei deutschen und europäischen Betrieben so gut wie unvermeidlich sein wird. Im besten Fall würden die Lagerbestände bei einzelnen Unternehmen bis zum Monat Mai reichen, danach werden für viele Produktionsprozesse Teile fehlen. "Es geht ja längst nicht mehr nur um China, sondern es sind ja auch Japan, Südkorea und Italien betroffen", sagt Schwarz. Jene Unternehmen, die resiliente Sourcing-Netzwerke aufgebaut haben, seien in den kommenden Monaten klar im Vorteil.