Die ökonomischen und finanziellen Auswirkungen seien weltweit zu spüren, sorgten für Unsicherheit und trübten die kurzfristigen Aussichten ein. So lautet das Urteil der Chefin des Internationalen Währungsfonds IWF, Kristalina Georgieva. Das Coronavirus Sars-CoV-2 ist nach Ansicht von Georgieva ein ernsthaftes Risiko für die globale Wirtschaft, das Ausmaß der Folgen sei noch nicht absehbar. Nach den Analysen des Währungsfonds dürfte das globale Wachstum aber 2020 unter das Vorjahresniveau fallen. Der IWF werde in den nächsten Wochen neue Prognosen für die Weltwirtschaft vorlegen. Georgieva versicherte, dass die 189 Mitgliedsländer des Währungsfonds zusammenstünden, um die negativen Folgen abzumildern - besonders für die am stärksten betroffenen Menschen und Ländern. Der Fonds werde alle verfügbaren Finanzierungsinstrumente nutzen, um Mitgliedsländern in Not zu helfen, sagte Georgieva.

Die Coronavirus-Epidemie, die in der chinesischen Mega-City Wuhan in der Provinz Hubei ihren Ausgang genommen hat, hat mittlerweile den Erdball erfasst.

Stress im System

Die US-Notenbank Federal Reserve hat ja am Dienstag den Schlüsselsatz um einen halben Punkt auf die neue Spanne von 1,0 bis 1,25 Prozent gesenkt, die Möglichkeiten der Europäischen Zentralbank EZB sind jedoch beschränkt, da der Leitzins in Frankfurt ohnehin bei null Prozent liegt. Neben dem enormen Stress, unter dem die Gesundheitssysteme in Japan, Südkorea, Iran und Italien stehen, wird immer klarer, dass die Corona-Krise eine Reihe von Simultan-Schocks auf das Wirtschaftssystem ausgelöst hat.

Nachfrageschock: Dadurch, dass die Menschen aus Angst, sich mit dem Virus zu infizieren, lieber daheimbleiben, leiden ganze Branchen. Die Reisebranche ist natürlich besonders betroffen. Die Lufthansa etwa muss wegen der Corona-Krise immer mehr Flüge streichen. Insgesamt hat die Lufthansa rund ein Fünftel der Lufthansa-Flotte (mit ihren Töchtern Eurowings, Swiss, Brussels und Austrian Airlines) vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Die Lufthansa hat bereits ein Sparpaket geschnürt, das unter anderem Teilzeitarbeit, unbezahlte Freistellungen und Kurzarbeit für viele Mitarbeiter bedeutet.

Ein zweites Beispiel ist der Automarkt: In China sind die Autoverkäufe seit dem Ausbruch der Virus-Epidemie im Februar praktisch zum Erliegen gekommen. Der Auto-Absatz sei im Februar um 80 Prozent eingebrochen, wie der Branchenverband China Passenger Car Association (CPCA) am Mittwoch mitteilte. Nun werden aber auch die Auswirkungen auf Europa spürbar: Nach Angaben der Unternehmensberatung EY (Ernst & Young) sind die Privatkäufe in Italien im Februar um 19 Prozent gefallen. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir in den kommenden Monaten auch zweistellige Rückgänge bei den Neuzulassungen sehen werden", wird EY-Experte Peter Fuß in einem Bericht der Nachrichtenagentur "Reuters" zitiert. Die Neuregistrierungen in Deutschland sind im vergangenen Monat um rund elf Prozent auf knapp 240.000 Fahrzeuge gesunken.

Angebotsschock: Durch die Fabriks-Schließungen in China kommt die Lieferkette in schwere Turbulenzen. Teile, die aus China (aber auch Japan, Südkorea und sogar Italien) bezogen werden, sind nicht erhältlich oder die Betriebe müssen sich über Nacht auf die Suche nach neuen Lieferanten machen. Zudem sind die Logistik-Ketten in Mitleidenschaft gezogen: Frachtschiffe bleiben mangels Fracht in chinesischen Häfen liegen, Frachtraum in Flugzeugen wurde zuletzt teuer, weil jene, die an Teile kommen wollten, die Bestände möglichst rasch geliefert haben wollten.

Finanzschock: Der gleichzeitige Angebots- und Nachfrage-Schock, das Chaos in der Lieferkette und die Erosion von Vertrauen und Zuversicht bei Konsumenten und Produzenten bringen schließlich den Finanzsektor in die Krise.

Kaum Interventionsinstrumente

Das Problem dabei: Im Gegensatz zur Finanzkrise im Jahr 2008 sind die Interventionsmöglichkeiten der Notenbanker beschränkt. Denn diesmal sind nicht die Exzesse des Finanzsektors der Grund, warum wirtschaftliche Aktivität plötzlich zum Erliegen kommt. Sondern: Wirtschaftsakteure reduzieren ihre Kontakte zu Kollegen, Kunden, Produzenten und Lieferanten auf ein Minimum und Konsum- und Investitionsentscheidungen werden aufgeschoben, bis Klarheit darüber herrscht, wann die Corona-Krise überwunden ist.

Mohamed El-Erian, Chefökonom der Allianz-Gruppe und Präsident des Queens College der University of Cambridge, warnt in einem Expertenkommentar in der "Financial Times" bereits vor einer sich abzeichnenden Krise im Anleihenmarkt.

Nun sind die Regierungen und Notenbanken gefordert: Kurzarbeit, Zinssenkungen, eine temporäre Lockerung der Insolvenzregeln sowie kurzfristige Liquiditätsangebote für Unternehmen, die in den kommenden Wochen und Monaten in eine Schieflage geraten werden, stehen auf der Agenda.