Die deutsche Wirtschaft kann nach Ansicht von Ökonomen wegen der Coronavirus-Epidemie eine kräftige Talfahrt kaum noch vermeiden. "Für Deutschland erwarten wir im ersten Halbjahr eine Rezession, leider", sagte der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Gabriel Felbermayr, am Dienstag im ZDF.

Die Wahrscheinlichkeit sei "schon sehr hoch", meinte der gebürtige Österreicher Felbermayr: "Man muss sich Sorgen machen um die Wirtschaftsentwicklung." Auch der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, gab sich pessimistisch: "Es spricht einiges dafür, dass eine Rezession bevorsteht."

Der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier bezeichnete es als wichtig, den Coronavirus einzudämmen. "Je langsamer er sich ausbreitet, desto größer ist die Chance, dass wir auch im zweiten Halbjahr eine Rezession verhindern."

 

Maßnahmenpaket angekündigt

Um Insolvenzen und Kündigungen zu vermeiden, hatte die Große Koalition zu Wochenbeginn bereits ein Maßnahmenpaket angekündigt, das unter anderem eine Erleichterung der Kurzarbeit vorsieht. "Wir werden diese Maßnahmen ausweiten, wenn es notwendig ist", sagte Altmaier im ZDF. Noch am Dienstag sollte es in Berlin Beratungen mit den Wirtschaftsministern der Länder geben, um sicherzustellen, dass die Folgen des Virusausbruchs beherrschbar seien.

Er stellte sich hinter die Aufforderung von Gesundheitsminister Jens Spahn, verstärkt Großveranstaltungen abzusagen. "Die Bekämpfung dieser Krise hat Vorrang vor vielen anderen wirtschaftlichen, sozialen, gesellschaftlichen Fragen." Zugleich räumte er ein, dass die Vorsichtsmaßnahmen vor allem zu Einbußen bei mittelständischen Firmen führten. Als Ausgleich dafür habe die Bundesregierung die Hilfen auf den Weg gebracht. "Wir wollen vermeiden, dass der Coronavirus die Wirtschaft infiziert", bekräftigte Altmaier.

Regierungsberater Felbermayr appellierte an die Koalition, Unternehmen und Verbraucher noch stärker zu unterstützen. Die Berliner Regierung müsse Vertrauen schaffen "mit Maßnahmen, die vielleicht auch über das hinaus geht, was bisher schon auf dem Tisch liegt". So würde etwa die Stundung von Steuern die Liquidität vieler Firmen stärken. Der IfW-Chef plädierte auch für ein Vorziehen der ohnehin geplanten Soli-Abschaffung. Ifo-Präsident Fuest forderte ebenfalls stärkere Hilfen der Regierung. "Die betroffenen Branchen brauchen erhebliche Liquiditätshilfen, damit die Krise nicht Unternehmen in die Insolvenz treibt, deren Geschäftsmodell eigentlich gesund ist", sagte er "Augsburger Allgemeinen".

Auch Dienstsleister spüren negative Folge

Während die Industrie unter schwindender Nachfrage und Problemen bei Zulieferern leidet, spüren zunehmend auch Dienstleister die negativen Folgen des Virus - vor allem Unternehmen der Luftfahrt, des Tourismus und Restaurants. Auch der Hamburger Hafen geht davon aus, dass die Virusfolgen ab Mitte März "mit voller Breitseite getroffen" werde. "Die gesamten Lieferketten sind ja völlig aus dem Ruder gelaufen, das werden wir auch im Hamburger Hafen zu spüren bekommen", sagte der Chef von Hamburg Hafen Marketing, Axel Mattern. Aufs Jahr gesehen rechne er wegen des Coronavirus mit gewaltigen Einbrüchen beim Containervolumen.

Der Chefvolkswirt der VP Bank aus Liechtenstein, Thomas Gitzel, sprach sich für Steuererleichterungen und Sonderabschreibungsmöglichkeiten aus, um Unternehmen zu entlasten. "Den Arbeitnehmern ist am besten mittels Lohnfortzahlungshilfen geholfen." Ifo-Chef Fuest sieht vorerst keine schnelle Entwarnung für die Epidemie. "Leider sagen viele Virologen, dass sie vielleicht im Sommer abflaut, im Herbst aber zurückkommt", fügte er hinzu. "Dann wäre eine Rezession nicht zu vermeiden."