Als Student wurde er Wirtschaftsberater von Vaclav Havel und landete später mit seinem Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse" einen internationalen Bestseller: Im Telefoninterview mit der "Wiener Zeitung" spricht der tschechische Ökonom Tomas Sedlacek über die Corona-Krise und erklärt was Staaten und die Banken jetzt tun sollten, um diese zu überwinden.

"Wiener Zeitung": Wir führen dieses Gespräch über das Telefon, zwischen Wien und Prag. Wie ist die Situation in der tschechischen Hauptstadt?

Tomas Sedlacek: Seit Montag haben wir in Tschechien so etwas wie eine 90-prozentige Ausgangssperre, ähnlich wie in Österreich. Gerade habe ich mit dem Fahrrad noch eine Runde durch das Stadtzentrum gedreht. Stellen Sie sich vor, die Karlsbrücke ist vollkommen leer. Das habe ich noch nie erlebt. Wir Tschechen sind für unseren schwarzen Humor bekannt, aber selbst meinen zynischsten Freunden ist inzwischen das Lachen vergangen. Ich habe meine Landsleute noch nie so ernst erlebt.

Tomas Sedlacek ist Chefökonom der zweitgrößten tschechischen Bank CSOB, Kolumnist und Buchautor. Mit "Die Ökonomie von Gut und Böse" (2011) wurde Sedlácek auch international bekannt.
Tomas Sedlacek ist Chefökonom der zweitgrößten tschechischen Bank CSOB, Kolumnist und Buchautor. Mit "Die Ökonomie von Gut und Böse" (2011) wurde Sedlácek auch international bekannt.

In Europa erleben wir derzeit mit der Ausbreitung des Coronavirus eine Krise des Gesundheitswesens, die zu massiven Einschränkungen im öffentlichen Leben geführt hat. Lässt es sich schon abschätzen, wie sich die Corona-Krise auf die Wirtschaft auswirken wird?

Das ist derzeit noch unmöglich. Aber stellen wir doch eine ganz simple Rechnung auf: Stellen wir uns vor, einen ganzen Monat lang wird in einem Land nichts, also wirklich gar nichts von Wert produziert. Also ein Zwölftel der Wirtschaftsleistung fällt plötzlich weg. Auf das Jahr gerechnet sind das 8,33 Prozent des BIP. Das ist zwar viel, aber noch kein Weltuntergang. Wir werden das wirtschaftlich schon überstehen, aufgrund dieser Beschränkungen wird - zumindest in unseren Breiten - niemand sterben. Es ist eine globale Pause, die es noch nie gegeben hat.

"Corona wird mehr Menschen in den finanziellen Ruin treiben als töten", schrieb hingegen zuletzt die britische Internet-Zeitung "Independent". Das glauben sie nicht?

Nein, Das denke ich nicht. Es ist wie ein Sabbat, ein Zwangsurlaub. Natürlich muss der Staat jetzt die richtigen Programme aufstellen, um die Bürger und die Unternehmen zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass wir das gemeinsam durchstehen. Aber selbst, wenn wir das radikalste Szenario annehmen, in dem das Wirtschaftsleben für zwei Monate völlig stillsteht, überhaupt nichts produziert wird und 16 Prozent Wirtschaftsleistung wegfallen, wird uns das nicht umbringen. Das wird unsere Länder nicht ruinieren.

Sie waren Wirtschaftsberater des tschechischen Präsidenten Vaclav Havel. Was würden Sie heute den Entscheidungsträgern raten?

Zuerst sollten die Banken die Fristen der Kredit- und Hypothekenzahlungen für ihre Kunden verlängern. Sollten die Banken das nicht alleine schultern können, dann sollten sie sich natürlich an den Staat wenden können. Aber die Banken sind in einem guten Zustand. Sie sind nicht unterkapitalisiert und sollten eigentlich genug Liquidität haben, nicht zuletzt aufgrund der Finanzkrise 2008/2009 und der Stresstests, die danach angeordnet wurden. Außerdem sollten Steuerfälligkeiten verschoben werden. Der Staat sollte direkte Unterstützung insbesondere für jene Bereiche zur Verfügung stellen, die vor einer existenziellen Krise stehen und klar signalisieren, dass wir die Kosten dieser Krankheit, die uns immerhin alle betrifft, gemeinsam tragen werden. Aber es ist klar, dass wir, die Gesellschaft, diese Kosten am Ende tragen müssen.

Sie haben mögliche Maßnahmen der Banken angesprochen. Sie sind Chefökonom der SOB-Bank. Werden solche Maßnahmen auch dort diskutiert?

Es wird auf der Ebene der Euro Banking Association (EBA) diskutiert. Solche Maßnahmen haben nur dann einen Sinn, wenn sie von allen gemeinsam getroffen werden. Eine Bank alleine treibt das in den Ruin. Aber ich bin nicht Teil der Verhandlungen und kann Ihnen dazu keine Details nennen.

In vielen europäischen Ländern ist das Wirtschaftsleben faktisch zum Stillstand gekommen. Kann es der Staat mit seinen Einschränkungen auch übertreiben?

Natürlich. Aber wenn wir nicht genau wissen, was passieren wird, sind wir mit einer Überreaktion am besten beraten. Wir wissen noch viel zu wenig über dieses Covid-19-Virus, deswegen sollten wir lieber übervorsichtig sein und alle Maßnahmen in Kauf nehmen - selbst, wenn sie der Wirtschaft schaden. Wenn wir eine arme Agrargesellschaft wären, dann würde ich vor einer Überreaktion warnen. Aber in den vergangenen 30 Jahren haben wir so viel Wohlstand angehäuft, dass wir uns eine Pause sehr wohl leisten können.

Wie schnell kann man sich von so einer Krise wieder erholen?

Die Geschichte lehrt uns: Die Wirtschaft kann externe Schocks viel besser und schneller wegstecken als interne Schocks. Die Finanzkrise 2008/09 ist so ein Beispiel: Wenn das Problem innerhalb des Systems liegt, erleidet das System darüber hinaus einen Vertrauensverlust. Ein Vergleich: 2002 hatten wir in Prag eine schwere Überschwemmung. Das war eine wirkliche Katastrophe, ein Drittel der Stadt wurde zerstört, aber nach einem halben Jahr haben wir uns wieder davon erholt. Nicht zuletzt deswegen, weil das System an sich dadurch nicht in Frage gestellt wurde. Ganz anders ist es, wenn "etwas faul ist im Staate Dänemark". Das kostet viel mehr Kraft. Es muss zwar nicht zwangsläufig für diese Krise zutreffen, aber in der Geschichte waren die internen Schocks viel schädlicher, als externe Schocks.

Klingt auch nach einem wichtigen psychologischen Moment.

Die Finanzkrise 2008/2009 war hausgemachtes Problem. Bei Corona gibt es niemanden, dem wir die Schuld geben könnten. Wen wollen wir diesmal verantwortlich machen? Auf wen wollen wir diesmal die Finger zeigen? Vielmehr sind wir den Ärzten und dem Gesundheitspersonal zu Dank verpflichtet.

Der globalisierte Kapitalismus basiert auf dem freien Waren- und Personenverkehr. Ist das Coronavirus das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen?

Der Kapitalismus verändert sich doch ohnehin jeden Tag. Hat der Kapitalismus vor 20 Jahren nicht noch ganz anders ausgesehen, als heute? Wo war damals der ökologische Aspekt? Im Übrigen können wir froh sein, dass wir schon vor der Corona-Krise eine digitale, sterile und gesundheitlich unbedenkliche Infrastruktur aufgebaut haben: das Internet. Wir leben ja schon längst nicht mehr in der physischen, sondern in der imaginären Welt. 70 Prozent unserer Wirtschaft bestehen heute aus Dienstleistungen, nur noch drei Prozent aus der Landwirtschaft. Und viele dieser Dienstleistungen lassen sich über das Internet realisieren. Dadurch können wir diese Krise viel leichter überstehen. Das wird diesen Trend noch weiter verstärken: mehr Software, weniger Hardware. Wenn wir so eine Pandemie vor 20 Jahren gehabt hätten, wäre die Wirtschaft völlig kollabiert. Und vor 100 Jahren wären viele Menschen gestorben.

Zugleich handelt es sich bei der Corona-Krise um eine Pandemie von globalem Ausmaß. Sollte es auch punkto Wirtschaft eine globale Strategie geben?

Unbedingt. Wir sollten das auf die Ebene der Vereinten Nationen bringen. Die großen Fragen unserer Zeit können wir nicht mehr als Nationalstaaten lösen, das übersteigt schlichtweg unsere Möglichkeiten. Im Übrigen gilt das ebenso für die Migrations- wie die Klimakrise oder die Finanzkrise 2008. Ich weiß, das klingt zynisch, weil viele Menschen sterben, aber wir müssen diese Corona-Krise als Chance als Weckruf begreifen, um globale Antworten nicht als Staat, sondern als Menschheit zu finden. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wieder die nächste Krise ausbricht.

Wie Tschechien, so ist auch Österreich ein kleines, exportorientiertes Land. Die Grenzen sind mehr oder weniger geschlossen. Werden wir stärker unter dieser Krise leiden als große Wirtschaftsmächte, wie etwa Deutschland oder die USA?

Aus rein wirtschaftlicher Sicht ist der Personenverkehr der am wenigsten bedeutsame Bereich der Globalisierung. Deswegen denke ich nicht, dass die Größe der Volkswirtschaft eine Rolle spielen wird.