Die Sorge vor einer weltweiten Rezession im Gefolge der Corona-Pandemie nimmt von Tag zu Tag zu. Drastische Umsatzeinbrüche in den Unternehmen, Panikverkäufe an den Aktienmärkten, steil nach oben steigende Arbeitslosenzahlen, milliardenschwere Hilfspakete zahlreicher Staaten und Stützungsmaßnahmen vieler Notenbanken: Die Kosten der Corona-Krise sind gewaltig.

Ein internationaler Konjunkturplan muss her, ein "Plan wie zu Kriegszeiten", wie UN-Generalsekretär Antonio Guterres von den G20-Ländern, den führenden Industrie- und Schwellenländern der Welt, fordert. Deren Staats- und Regierungschefs beraten am Donnerstag im saudi-arabischen Riad auf einem Video-Sondergipfel zur Corona-Krise.

Auch Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) sind bei dem Treffen dabei. Der IWF rechnet wegen der Coronavirus-Pandemie mit einer mindestens so starken Rezession wie nach der weltweiten Finanzkrise 2008. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der ökonomisch hochentwickelten Staaten schrumpfte im Jahr 2009 um 3,2 Prozent. In der EU fiel der Rückgang mit 4,3 Prozent noch stärker aus.

Kein Einbruch von mehr als 10 Prozent

Für Deutschland, Europas größte Volkswirtschaft und Österreichs wichtigster Handelspartner, erwartet Lars Feld, Chef der deutschen Wirtschaftsweisen, heuer eine schwere Rezession, aber keinen Einbruch von mehr als 10 Prozent. "Wenn der Shutdown fünf Wochen anhält und dann im Laufe von drei Wochen eine Erholung einsetzt, wird das Minus weniger als 5 Prozent betragen", so Feld. Das Münchner Ifo-Institut hatte Szenarien von minus 5 bis minus 20 Prozent für 2020 errechnet. 2009 war das deutsche BIP um 5,7 Prozent abgestürzt. Danach erholte sich die Wirtschaft aber auch wieder deutlich.

Von China aus verbreitete sich das Virus in der Welt. Städte wurden abgeriegelt, der Flugverkehr weitgehend lahmgelegt, Krankenhäuser zur Behandlung von Infizierten in kürzester Zeit hochgezogen. Die Wirtschaft bekam die Auswirkungen schnell zu spüren: Die Kurven von Umsätzen im Einzelhandel bekamen schon im Dezember einen starken Knick. In den ersten beiden Monaten 2020 fiel die Industrieproduktion um 13,5 Prozent.

Laut Experten des IWF wird sich Chinas Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2020 erheblich verlangsamen. Chinas Regierung wird sich vermutlich von ihrem angepeilten 5 Prozent Wirtschaftswachstum verabschieden müssen.

Doch allmählich erholt sich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wieder. Die meisten großen Unternehmen haben die Arbeit wieder aufgenommen und viele Arbeiter seien zur Arbeit zurückgekehrt. Doch es blieben erhebliche wirtschaftliche Risiken bestehen, so die IWF-Ökonomen.

Inzwischen hat sich das Virus laut der Johns Hopkins University in 172 Ländern ausgebreitet.

Im Gegensatz zu China, das begonnen hat, den wirtschaftlichen Schock zu verdauen, stehen die USA erst am Anfang. Mehr als 55.000 Menschen sind nach Stand Mittwoch in den USA mit Covid-19 infiziert - die USA stehen weltweit an dritter Stelle bei der Zahl der Infizierten. Laut Experten steht das Schlimmste noch bevor.

USA erleben beispiellose Arbeitslosigkeit

US-Banken wie Goldman Sachs, JP Morgan und Morgan Stanley erwarten, dass das Bruttoinlandsprodukt der USA im ersten Quartal um 6 Prozent fällt. Im zweiten könnte es um bis zu 30 Prozent schrumpfen.

100 Millionen Menschen, also fast ein Drittel der Bevölkerung, muss zu Hause bleiben. Tausende Unternehmen mussten dichtmachen. Die Vereinigten Staaten erleben eine beispiellose Arbeitslosigkeit. Laut dem US-Thinktank Economic Policy Institute meldeten sich vergangene Woche 3,4 Millionen Menschen arbeitslos.

Um die Wirtschaft zu stützen, haben sich US-Regierung und Kongress am Mittwoch auf ein zwei Billionen Dollar schweres Hilfspaket geeinigt. Alleine 130 Milliarden sollen in das Gesundheitssystem fließen.

Was muss getan werden, um die wirtschaftliche Leistung zu retten? Der Chefökonom der Schweizer Großbank UBS, Paul Donovan, sieht das Hauptrisiko für eine Volkswirtschaft darin, dass die Arbeitslosigkeit steigt, während die Nachfrage geschwächt wird. Unternehmen liquide zu halten und Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Job zu halten, seien daher die wichtigsten politischen Ziele.

Das Instrument der Kreditvergabe sei für einige Unternehmen hilfreich - aber nicht für alle. Rund 25 Prozent der Konsumausgaben sind potenziell verlorene Nachfrage. Förderungen, Unterstützung bei den Lohnkosten und andere Kostenreduzierungen seien effektivere Maßnahmen, Unternehmen zu helfen, eine derartige Krise zu überstehen.

Eine Verteilung von Bargeld an die Bürger, etwa in Form von "Helikoptergeld" oder eines bedingungslosen Grundeinkommens, seien erst in der zweiten Phase der Krise hilfreich, um das BIP-Wachstum wieder anzukurbeln.

Doch irgendwann wird diese Krise vorbeigehen. Wie wird die Welt danach aussehen? Werden wir uns von dieser Krise erholen?

Klaus Prettner, Ökonom mit den Schwerpunkten Wachstum und Verteilung, blickt mit Verweis auf historische Krisen, wie etwa die große Depression in den 30er Jahren, optimistisch in die Zukunft. "Wenn das Virus eingedämmt wird, ist nicht zu erwarten, dass die Massenarbeitslosigkeit bleibt", sagt er. Das habe sich auf Dauer noch nie manifestiert.

Wenn die Pandemie vorbei ist, werde der große Prozess automatisch beginnen. Die Unternehmen werden wieder investieren, die Haushalte werden ihren Konsum nachholen. Je nachdem, wie lange die Krise dauert, dauert auch die Erholung danach: "Sind es ein paar Wochen, in denen die meisten Unternehmen auf Reserve überleben können, werden wir schnell zum alten Pfad zurückkehren." Andernfalls werde der Weg zurück härter, bis die Strukturen, wie wir sie gewohnt waren, wieder stehen.

Einige Unternehmen werden auch positive Aspekte aus der Krise mitnehmen. "Viele Firmen werden draufkommen, dass Homeoffice funktioniert", sagt der Ökonom. Es werde sich in einer Post-Corona-Welt auch die Frage stellen, ob vieles auf Papier verschriftlicht werden müsse oder internationale Konferenzen nicht auch über Videokonferenzen stattfinden können, anstatt im Flugzeug kreuz und quer über die Kontinente zu fliegen.

Unternehmen etwa im Tourismusbereich haben es da ungleich schwerer. Kreuzfahrten und Apres-Ski-Bars werden wohl noch länger gemieden werden. Es gebe jetzt aber die Möglichkeit, verstärkt auf nachhaltigen Tourismus umzustellen.

Klar ist aber, dass Unternehmen in dieser Branche nun staatlich gestützt werden müssen. Das gilt auch für die Luftfahrt.

Bleibt die Frage, wie sich die Regierungen die finanziellen Ausgaben zurückholen werden. Prettner prognostiziert drei Möglichkeiten: Zum einen Sparen mit dem Rasenmäher, bei der alle Ministerien einsparen müssen. Weiters könnten durch das Aussetzen von Steuerreformen Milliarden an Euros zurückfließen. In diesem Fall wird die kalte Progression nicht ausgeglichen. An dritter Stelle stehen niedrige Zinssätze der Zentralbanken: Der Staat erspart sich damit Zinszahlungen seiner eigenen Schulden. (ast/ede/mort/vas)